„Also lieben Sie mich nicht,“ setzte Tosca nach einer Pause hinzu, „und Sie werden früher oder später zu dieser Erkenntniß gelangen. Auf morgen, lieber Ignaz, morgen werd’ ich ganz gesund sein.“

Sie wünschte es lebhaft — um die Geschäfte zu ordnen! sprach sie heimlich. Doch weit lebhafter um Sigismund wiederzusehen. Ach, liebt er mich denn wirklich? fragte sie sich wol tausendmal in diesen Tagen. Aber das war nur nervöse Unruh. Ihr Herz zweifelte nie. Diese innere Gewißheit, welche keines Wortes, keines Zeichens bedarf, ja, zuweilen sie verschmäht, erhebt die Liebe zu einer göttlichen Eigenschaft: zur Allwissenheit; denn ihr All’ ist das geliebte fremde Herz.

Ignaz war im heftigsten Zorn. Ein Tausch von magnifiken Gefühlen! rief er; Gott! wie kommt nur solcher Unsinn in den Kopf einer sonst ziemlich verständigen Frau. Ein Tausch von Ringen à la bonne heure! unter diesen Umständen gehörte der wesentlich zu meiner Ansicht von der Liebe. Aber ist es denn möglich, daß sie diesem widerwärtigen, langen, blassen, finstern Regierungsrath gegenüber auf jenen magnifiken Tausch verfallen kann? Wenn’s eine passende Partie wäre — oder wenn der Mann ebenso brillant und bezaubernd wäre, wie er nicht ist — dann ließ’ ichs gelten! ich könnt’ es begreifen! Jetzt ist’s unbegreiflich! Und welchen Einfluß er auf sie hat! Sie denkt nicht mehr an die Donation. O Himmel, warum ließ ich sie nicht früher machen, ehe unberufene Rathgeber sich hinein mischten! es wäre alsdann ein freundschaftliches Uebereinkommen zwischen uns gewesen! Jetzt, wenn die Gerichte dabei ins Spiel kommen, wenn sie ein Paar Dutzend Advokaten, oder Justizräthe, oder wie die Rechtsverderber heißen mögen! darum befragt: jetzt verwandelt sich die pompöse Donation in einen magern Vergleich .... der meiner eigensinnigen Mama zu gut kommt und ... dem Herrn Regierungsrath Forster! Sacristi!

Grade diesen Vergleich besprach Tosca am nächsten Morgen mit einem Rechtsgelehrten, den Sigismund ihr empfohlen hatte, und den sie zu sich bitten ließ; dann ließ sie Ignaz rufen, und sagte, indem sie ihm mit freudestralendem Gesicht entgegentrat:

„Mein lieber Ignaz, ich mache mir ein wahres Fest daraus, Ihnen etwas zu sagen, das Ihnen lieb sein wird, weil es meinen unbehaglichen Zwiespalt mit Ihrer Mutter unfehlbar beendet. Der Herr Justizrath hier hat mir gesagt, daß ihr die Hälfte der Erbschaft zukomme“ ... —

„Ich habe nicht gesagt: zukomme! gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrath.

„Entschuldigen Sie meine ungeschickte Weise mich auszudrücken,“ sagte Tosca, „und Sie, lieber Ignaz, schreiben Sie das Ihrer Mutter, und bitten Sie sie in meinem Namen, die kleine Spaltung zu vergessen, welche bis daher, ohne meinen Willen, stattgefunden hat. Der edle Todte, den wir Alle betrauern, wird dann mit uns Allen zufrieden sein.“

Milde Thränen flossen über ihr schönes klares Antlitz, als sie ihre Hand an Ignaz gab und die seine herzlich drückte. Er sprach sich auch höchst gerührt und höchst dankbar aus; aber ihm war zu Muth, als müsse er seiner Mutter rathen einen Prozeß gegen Tosca zu beginnen. Wer weiß, ob er nicht zu unsern Gunsten sich entschiede! dachte er. — — —

Sigismund war durch die Ankunft seines Schwagers überrascht worden. Er erschrak förmlich, als er ihn bei sich eintreten sah; sein Kommen schien ihm in Verbindung mit Agathen zu sein. Aber keineswegs.

„Stell’ Dir vor!“ sagte Friedrich, „dies verdammt feuchte Wetter, und ein Paar nothgedrungene Fahrten längs der Elbe, während ihrer perniziösen Nebel, haben mir ein Paar Anfälle von kaltem Fieber zugezogen. Kein Chinin ist dagegen so wirksam, als Luftveränderung: drum komm’ ich her! morgen geh’ ich zurück.“