„Sie haben mich nie verstehen wollen, immer den Ausbruch des Gefühls in mich zurückgedrängt,“ sprach er mit niedergeschlagenem Ton. „Früher mogten Sie Gründe haben, die ich ehrte; doch jetzt martern Sie mich nicht länger — es wäre eine ganz nutzlose Grausamkeit. Ich liebe Sie, Tosca,“ fuhr er lebhaft fort, ohne sich von ihr unterbrechen zu lassen; „ich habe Sie geliebt, drei Jahr an Ihrer Seite, täglich, stündlich Sie sehend, in Ihrer größten Intimität lebend, hab’ ich Sie schweigend geliebt, und gewiß nur in ganz überwältigenden Momenten meine Liebe verrathen. Aber nun ist’s vorbei mit der Kraft! ich kann nicht mehr schweigen! ach! zürnen Sie mir nicht; ich sehe Ihre Trauerkleider, ich kenne die kühle abwehrende Außenseite, welche Sie wie einen Schild hervorkehren; ich begehre ja auch vor der Hand keine Gewißheit, nur Hoffnung, Tosca!“

Während er sprach, sah sie ihn gelassen an. Sigismund hatte vor einigen Tagen auch vor ihr gekniet, nichts gesagt, nichts gethan, nichts erfleht; und sie hatte ihn verstanden und ihm geglaubt. Von Allem, was Ignaz ihr sagte, glaubte sie kein Wort.

„Sie täuschen sich, Ignaz!“ antwortete sie ruhig; „bis daher hab’ ich immer geglaubt, daß Sie mir gut wären; jetzt, glaub’ ich, daß Sie Sich für mich fanatisirt haben, durch die traurigen und schmerzenreichen Situationen, in denen Sie mich gesehen, durch meine tiefe Einsamkeit, welche mich ohne Eltern, ohne Kinder, ohne Brüder ins Leben gestellt hat, und mich jetzt der treusten und sichersten Stütze — des Generals beraubt. Aber lieben? ... nein, Ignaz, Sie lieben mich nicht!“

„Aber was verstehen Sie denn unter Liebe, Tosca, wenn eine so grenzenlose Ergebenheit, wie die meine, Ihnen nicht diesen Namen zu verdienen scheint!“ rief Ignaz heftig; „und wenn Sie doch eben so wenig die Ausbrüche der Leidenschaft, die in mir wohnt, dafür gelten lassen werden.“

„Die grenzenlose Ergebenheit und die Glut der Leidenschaft gehören auch zur Liebe,“ sagte sie gedankenvoll, aber ohne an Ignaz zu denken. „Allein ... wie ich sie mir vorstelle, muß sie doch noch etwas Andres sein“ .... —

„Und was muß sie sein, Tosca! wie stellst Du Dir vor, daß die Liebe sein müsse?“ fragte Ignaz, ganz bereit auf ihre Vorstellung einzugehen.

„Ignaz!“ sagte Tosca ungeduldig, „ich hab’ Ihnen schon einmal verboten mich Du zu nennen.“

Ignaz drückte die Zähne zusammen; aber er sagte nur: „Nun, Tosca?“

Sie stützte sinnend den Kopf in die Hand, legte fest und tief ihre prächtigen Augen auf die seinen und sagte langsam: „Die Liebe muß ein unvergänglicher Austausch von unerschöpflichen und magnifiken Gefühlen sein.“

Hätte sie alles Andre gesagt — auch auf die kolossalste Sentimentalität, auch auf die höchste Ueberspannung wäre Ignaz eingegangen! Er war gefaßt auf irgend eine grandiose Phrase der Art. Aber, daß sie keine leere Phrase sagte, sondern die Wahrheit; aber daß sie auf den Tausch, auf die Gegenseitigkeit, die Liebe basirte: das machte ihn stumm.