„Und was ist jetzt Ihrem Bruder widerfahren?“ fragte Tosca. Sie meinte, es müsse Sigismund erfrischen, sich ihr mittheilen zu dürfen.
„Jetzt wissen wir nichts Bestimmtes von ihm. Er spricht sich selten aus, und in gewissen Fällen nie. Wir haben nur gehört — wie sich denn das so herum zu sprechen pflegt — und wie wir das nach seinen Briefen vielleicht schließen dürfen, daß jetzt er von einer heftigen und unglücklichen Leidenschaft ergriffen ist, die ihm seine Stellung, seinen Beruf, ja seine ganze Existenz unerträglich macht.“
„Mein Gott!“ rief Tosca, „wenn ich aus meinem stillen, kühlen, friedlichen Winkel heraus in die Wirbel-Existenz solcher Kinder des Sturmes sehe, wie preise ich dann mein Schicksal, das mich nie mit ihnen zusammen geführt hat! Sie würden mich vernichten oder zerbrechen“ .... —
„Oder auch Sie würden ihnen Ihren Frieden, Ihre lichtvolle Klarheit geben, und wie ein Regenbogen in die Gewitterwelt hineintreten. Einer Seele wie der Ihren begegnet zu sein, ist ein unermeßlicher Segen, denn er wird zum Polarstern, — und solch ein Glück ist’s, das der Mensch braucht; denn Kind der Stürme oder nicht, Glückskind oder nicht, seine umdunkelten Tage und Wege hat Jeder, und da fällt es schwer, sich ohne solchen Stern zurechtzufinden.“
Er hatte mit solchem tiefen Ernst gesprochen, daß Tosca nicht daran dachte, zu erröthen oder verlegen zu werden. Aber eine Thräne trat ihr ins Auge. War es Freude? war es Wehmuth? sie wußte es nicht. Aber sie dachte, indem sie Sigismund anblickte, daß er ihrem ganzen Leben die unwandelbare Richtung gegeben habe.
Sigismund wurde ruhiger bei ihr. Seine Niedergeschlagenheit wich, die Beklommenheit ließ nach. Er fühlte sich neben ihr wie auf dem Gebirg, in einer freiern, reineren, herzstärkenderen Atmosphäre. Unablässig wollten ihm die Worte, wie glücklich er sei, welche huldigende Liebe er für sie empfinde, über die Lippen gleiten. Er drängte sie gewaltsam zurück. Ihm schien, als sei er noch nicht werth, sie auszusprechen. Aber dieser verhehlte Kampf machte ihn schwermüthig, und als er jene Thräne in Toscas Auge sah, warf er zerbrochen und überwältigt beide Hände vors Gesicht, und sank zu ihren Füßen nieder.
Sie legte sanft ihre Hand auf sein Haupt. Es war, als erlöse ihn die linde Berührung von den spröden Fesseln der Qual. Er ließ die Hände fallen, und blickte zu ihr empor, während sie zu ihm herabblickte. Magnetisch sanken ihre Lippen auf einander; es war ein schüchterner, zitternder Kuß, den das Uebermaß und nicht der Mangel an Liebe so scheu und so flüchtig machte.
„Gehen Sie,“ sagte Tosca mit einer so süßen Inflexion der Stimme, wie er sie nie gehört, und so sanft, daß es ihm unmöglich war, ihr nicht zu gehorchen. Als er sie verlassen hatte, als er sich wiederfand unter dem Himmel voll blitzender Sterne und mit einem Himmel in der Brust; da wollt’ er sich besinnen, wie das Glück über ihn gekommen sei. Er legte die Hand an die Stirn. Da tauchte es wie ein Blitz in ihm auf, das Wort, welches er einst im kindischen Uebermuth gesagt: „Meine Lippen sollen verdorren, wenn sie Tosca Beiron küßten.“ — „O Thorheit!“ sprach er zu sich selbst; „die Fülle des Lebens erschließt sich .... und jetzt erst recht!“ — — Er suchte in der Oper seinen Schwager auf und brachte den Abend mit ihm zu.
Tosca hätte sehr gewünscht, allein und ungestört bleiben zu dürfen; aber sie wollte Ignaz nicht absichtlich kränken und ihn abweisen lassen, wenn er nach seiner Gewohnheit käme, um ihr guten Abend zu wünschen.
„Mein Gott!“ rief er ihr entgegen, als er kaum ins Zimmer getreten war, „was ist Ihnen widerfahren, schöne Tante, Sie sehen stralend aus!“