Sigismund schlug ein schallendes Gelächter auf.

„Lieber Bruder!“ rief er, „der guten Frau, so unschön, so geistlos, und ich glaube gar ein wenig bucklich, ist wohl Niemand sonst zu verzaubern vorgekommen, als der würdige Professor Zeller. Frag’ einmal Fräulein Tosca von Beiron, ob sie wird einen Arzt heirathen mögen.“

„Ich sehe nicht ein, weshalb sie grade für einen Arzt eine besondere Liebhaberei haben sollte, wenn ich nicht etwa dieser Glückliche wäre. Das, ja das würde mir ganz begreiflich sein,“ entgegnete Friedrich. „Uebrigens aber — wer denkt denn gleich ans Heirathen? Man plaudert mit einem Dornenröslein, man tanzt mit ihm, man neckt es, man bekommt schnippische Antworten und — wenn’s Glück ungeheuer gut ist .... könnte man wol gar einen Kuß erobern.“ .... —

„O,“ rief Sigismund sehr heftig, „jetzt könnte mir diese Tosca einen Kuß geben wollen — ich nähm’ ihn nicht.“

„Holla! Holla!“ rief Friedrich, „ein Kuß ist immer eine ganz allerliebste Sache, von der man beileibe nicht so wegwerfend reden darf, Freund Sigismund Forster, möge er nun bei der Tochter des Großmoguls oder des Scharfrichters zu finden sein.“

„Und Tosca Beiron wird ihn Dir auch schwerlich geben wollen,“ sagte Hohenberg gleichzeitig.

„Und wenn sie tausend Mal wollte!“ rief Sigismund; „ich, Sigismund Forster, würde nicht wollen! und meine Lippen sollten verdorren, wenn sie sie küßten!“ .... —

„Und das Alles, weil Tosca Beiron die Tochter einer Gräfin und eines Freiherrn ist?“ rief Hohenberg geärgert; „ich muß Dir sagen, mein lieber Bruder, daß ich das mehr wie sonderbar finde.“

Am andern Morgen schlug sich Sigismund Forster wegen des Kusses von Tosca Beiron, den er nicht wollte, mit seinem guten Freunde Hohenberg, verwundete ihn im Arm, und bekam von ihm eine Schmarre über die linke Wange.

Ein Paar Tage hindurch blickte Tosca Beiron umsonst zwei Minuten vor eilf Uhr auf die Straße hinab — umsonst! denn Sigismund Forster ging nicht vorbei! und weder dann, noch Mittags, noch Nachmittags. Was war ihm widerfahren? sie hatte alle Zeit, sich mit Beantwortung dieser Frage abzuquälen, und tausend Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu ersinnen. Endlich! endlich! sah sie ihn die Straße herauf kommen, mit der Mappe unter dem Arm, und mit einem breiten schwarzen Taftstreif über die linke Wange. Sie freute sich so, daß sie die Hand über die Augen legte, um deren Jubel zu beschwichtigen. Allein sie hätte diese Vorsicht nicht nöthig gehabt, denn Sigismund Forster ging vorüber ohne aufzublicken, geschweige zu grüßen. Tosca glaubte sich getäuscht zu haben. Ganz verwundert dachte sie: Wie doch so ein schwarzes Band übers Gesicht verändert! Ich hätte darauf gewettet, er sei es .... und er war’s doch nicht .... o, unmöglich! — Um zwölf Uhr kam er aus der Vorlesung zurück. Sie gab genau Achtung, sie erkannte ihn unwidersprechlich; er war’s, aber er ging vorüber ohne aufzublicken und ohne zu grüßen. Ihr sanken die Hände in den Schooß vor traurigem Erstaunen. Sollte er es übel genommen haben, daß ich mich neulich nicht mit ihm zum Tanz engagiren wollte? fragte sie sich heimlich. Seit dem Tage ist er zuerst verschwunden, und so wiedergekehrt. Ich hatte aber eine bessere Meinung von ihm. — Sie suchte sich zu zerstreuen; sie stickte emsig, sie sang, und dazwischen tauchte immer die Hoffnung auf, daß sich auf dem Ball Alles erklären und ausgleichen werde. Ob Herr von Geldern, ob Friedrich, ob Graf Hohenberg ihr eine kleine Laune übel genommen hätten, darüber hätte Tosca muthwillig gelacht oder gleichgültig die Achseln gezuckt; aber Sigismund Forster? — Sie war nicht im Stande, sich Rechenschaft darüber zu geben, weshalb sie grade ihn um keinen Preis verletzen möchte.