Am nächsten Morgen, als Sigismund vorüber ging, bückte sich Tosca tief auf ihre Arbeit, so daß er sie nicht gewahr werden konnte, wenn er etwa heimlich doch zum Fenster hinaufblickte. Dann hob sie rasch den Kopf — und siehe! er hatte herauf gesehen, ihre Blicke begegneten sich. Aber blitzschnell wendete Sigismund den Kopf auf die andere Seite, und Tosca dachte: Richtig! er hat mir irgend etwas übel genommen ... aber in aller Welt was?

So vergingen die Tage bis zum Ball. Dadurch, daß Sigismund immer pünktlich an Tosca’s Fenster vorüber ging, zeigte er ihr, daß er sie nicht sehen wollte. Sie hoffte auf den Ball! sie traute sich zu, durch einige Worte die Mißstimmung zu vernichten, in welche Sigismund, sie begriff nicht, wodurch? ihr gegenüber gerathen war. Sie kleidete sich mit äußerster Sorgfalt an. Sie schmückte sich nicht, aber sie wählte die Blumen, die Farben, die ihr besonders gut standen, und zuversichtlich, freudig, betrat sie den Ballsaal. Sigismund stand der Eingangsthür zehn Schritte gegenüber und mit dem Gesicht ihr zugekehrt. So wie Tosca mit ihren Eltern erschien, fixirte er sie einen Moment ganz starr, und trat darauf in eine Gruppe hinein, ohne sie zu grüßen, ja, ohne nur zu thun, als ob er sie kenne. Eine unermeßliche Traurigkeit drückte Tosca’s Herz zusammen. Was habe ich ihm gethan? fragte sie sich heimlich; und dann setzte sie schnell hinzu: Er ist übermüthig; weil er besser aussieht, als jeder Andere, bildet er sich gewiß ein, ich würde mich sehr um seine Vernachlässigung grämen! doch daraus soll nichts werden. — Sie nahm sich zusammen, sie empfing alle Ansprachen der Tänzer, sie war munter, ungezwungen, sie versprach ganz von selbst dem Herrn von Geldern den Cotillon; sie sah gar nicht hin nach Sigismund. Allmälig zwang sie sich nicht mehr zur Heiterkeit, sie wurde wirklich heiter, sie fühlte sich befreit von dem unbegreiflichen Interesse, welches sie bis daher für Sigismund ganz unwillkürlich empfunden. Nie war sie schöner gewesen, und nie anmuthiger. Es war, als ob sie sich in ihrer ganzen Lichtseite zeigen, und all ihre kleinen Sonnenflecke vergessen machen wollte.

„Heut ist Tosca Beiron wahrlich kein Dornenröslein,“ sagte Friedrich, nachdem er mit ihr getanzt hatte, ganz in Extase zu Sigismund, „sondern eine Rose ohne Dorn.“

„Wie Herr Walter von der Vogelweide bereits vor einem halben Jahrtausend von der Kaiserin Irene gesagt und gesungen,“ erwiederte Sigismund spöttisch und wandte sich ab.

Er langweilte sich. Hätte er Tosca anders als triumphirend gesehen, so würde es ihn interessirt haben, sie aufs genaueste zu beobachten; jetzt, in ihrem Uebermuth, wie er es nannte, hatte er nicht Lust dazu. Und doch mochte er nicht den Ball verlassen. „Sie könnte meinen, ich ginge gelangweilt fort, weil ich mich nicht mit ihr beschäftige,“ sprach er heimlich; „ich muß nur tanzen! Aber mit wem denn? wie sie Alle, Alle so unhübsch, ungraziös, unbedeutend neben ihr aussehen! Gleichviel! getanzt muß werden!“ —

Er wählte aufs Gerathewohl eine Tänzerin. Es war die junge Person, welche er auf dem vorigen Ball Grashüpfer genannt, und er trat mit ihr zum Tanz an — er wußte selbst nicht, zu welchem Tanz. Es war eine Française, und Tosca tanzte ihm gegenüber. Alles ging charmant! Sigismund tanzte mit einem Ernst, als ob es gelte, ein Examen des Tanzes zu bestehen, und wendete nicht eine Secunde den Blick von seiner Tänzerin ab. Tosca tanzte wie immer; nur erschien ihre Gestalt noch graziöser, ihre Haltung noch schwebender neben den springenden und beweglichen Sätzen des kleinen Grashüpfers. Jetzt kam eine Tour im Contretanz, wo Tosca und Sigismund einander die Hand geben mußten, und da konnte er nicht vermeiden, den Kopf zu ihr zu wenden. Er that es mit einem peinlichen Gefühl, denn er wußte wol, daß sein Benehmen gegen Tosca nicht schicklich sei. Hätte sie ihn spöttisch oder nur schelmisch angesehen, so würde er sich dennoch in seinem guten Recht ihr gegenüber gefühlt haben; allein der traurig ernste Ausdruck seines Gesichts frappirte sie, und sie sah ihn sanft an, mit großen erstaunten Augen, die zu fragen schienen: Aber was fehlt Dir denn, daß Du so verändert bist? Das rührte ihn. Er schlug unwillkürlich die Augen nieder, um sie nicht freundlicher anzublicken, als er wollte, und seine Hand zitterte. Es lagen nur die Spitzen von Tosca’s Fingern in dieser Hand; allein sie fühlte es doch! ... Da wurden sie getrennt durch eine neue Tour.

Nach beendetem Contretanz ging Sigismund ins Büffetzimmer, hielt einige Freunde durch Champagner fest, und kehrte nicht in den Ballsaal zurück. Tosca blieb den ganzen Abend gedankenvoll. Sie konnte sich sein Benehmen nicht erklären. Wenn Uebermuth darin lag, so war es doch nicht der allein! das hatten ihr der traurige Blick und die zitternde Hand gesagt. Den Uebermüthigen würde sie sehr bald vergessen und ihn auf gleiche Weise behandelt haben. Der Traurige beschäftigte sie unablässig. Mit dem Gedanken an ihn blieb sie auf dem Ball, und kehrte erst in tiefer Nacht heim. „Der Ball war matt ... heute!“ sprach sie nachdenklich, als sie den Blumenkranz aus dem Haar nahm. „Ich glaube, ich werde schon zu alt für den Tanz. So recht großes Vergnügen ... wie neulich — machte er mir nicht mehr.“ Sie entschlief und träumte von Sigismund.

Von nun an ging Sigismund Forster nicht mehr an Tosca Beirons Fenster vorüber. Sie grämte sich und er — grämte sich noch mehr.

Woran hängen unsre Schicksale? Oft an Einflüssen, die, unabhängig von uns, um unsre Wiege gewaltet haben! oft an Eindrücken, die sich in unsre Seele ätzten, als sie sich zum ersten Mal dem Bewußtsein öffnete! oft an Begegnissen, die sich der reizbaren Empfänglichkeit eines Kindes unwiderstehlich bemeistern und ihm Zu- und Abneigungen einflößen, deren es dann in seinem ganzen Leben nicht wieder Herr wird. Es mögte interessante Aufschlüsse über manche Eigenthümlichkeiten der Menschen geben, wenn man wüßte, welcher Empfindung sie sich in der Kindheit zuerst bewußt worden sind. Die meine war Bangigkeit, ungeheure, namenlose, verzweiflungsvolle Bangigkeit. Ich war ganz klein damals, so klein, daß Jahre folgen, von denen ich nicht die geringste Erinnerung habe, also vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Es war in Remplin und ein großer Maskenball, und ich armes kleines Geschöpf dazwischen! Wie ich dahin gekommen, ob man mir einen Spaß machen wollte, ob ich selbst dahin verlangte — ich weiß es nicht! Aber ich war da, zwischen den unheimlichen, fabelhaften, vermummten Gestalten, mit Gesichtern ohne Augen, zwischen der Musik, dem Gewühl, den Lichtern, dem konfusen Tumult solchen Festes. Ich war halbtodt vor Angst; ich weinte, zuletzt schrie ich Zeter; da ward ich denn fortgebracht. Und dann war ein Feuerwerk auf der großen Pelouse hinter dem Schloß, und mein Vater, der mich abhärten und meine Nerven stählen wollte, bestand darauf, daß ich es ansehen sollte. Nun war aber dies große, wilde, grelle Feuer, und die Detonation der Schwärmer und Raketen, und die Menschenmasse bald flammend beleuchtet, bald schwarz und finster, und wieder dieser Tumult — etwas so Grauenvolles für mich, daß ich wieder in unerhörtes Geschrei ausbrach. Da aber mein Vater wollte, daß ich bleiben sollte, so blieb ich, und ertrug bis zum letzten Augenblick die Marter eines Festes, das wahrscheinlich allen übrigen Anwesenden großes Vergnügen machte. Mein Gott, das ist ein halbes Menschenleben her! Doch ich glaube, daß meine traurige Scheu vor Allem, was Lärm und Tumult, sogar der eines Festes und des Vergnügens ist, sich von jenem entsetzenvollen Moment herschreibt; und daß der Eindruck, welchen die Maskenball-Gesellschaft auf mich machte, mich durch mein ganzes Leben in der Gesellschaft begleitet hat, und begleiten wird. Ja, ja, das sind die Gesichter ohne Augen aus Remplin! Wie viel tausend Mal hab’ ich mir das ganz unwillkürlich und ganz überzeugt gesagt, wenn ich in einen Gesellschaftssaal trete. Nur wein’ ich nicht, so wie damals; o nein! ich lache eher, und wohl gar ein wenig spöttisch und hochfahrend, um mir die Larven nicht allzu nah kommen zu lassen, aber ob mir innerlich nicht ganz beklommen dabei zu Muth ist ... das ist die Frage! — Ich erzähle diese kindische Geschichte nur als ein Beispiel von der Heftigkeit früher Eindrücke. Daß man diese regeln soll und beherrschen kann, weiß ich wohl; aber dennoch glaube ich, daß die Seele dadurch auf einen gewissen Ton gestimmt wird, möge sie auch, wie ein fügsames Instrument, Symphonien von Beethoven oder Walzer von Strauß auf sich spielen lassen.

Sigismund Forster ging nicht mehr an Toscas Fenster vorüber. „Sie ist eine hochfahrende Person, wie sie Alle sind!“ sprach er zu sich selbst. „Klagten die Uebrigen nicht sämmtlich über ihr hochmüthiges Benehmen? Ich will nicht warten, bis sie es auch gegen mich an den Tag legt. Und darum will ich sie auch nicht wieder sehen, nie wieder, und nicht vorbei gehen; ich würde es nicht lassen können, sie anzusehen — und dann .... bekäme sie mich am Ende doch herum, mit ihren diabolisch himmlischen Augen. Seh’ ich sie aber nicht mehr, so bring’ ich’s vielleicht dahin, eine Andere anzusehen, und das wäre das Gescheuteste, was ich thun könnte ... das würde mich zerstreuen.“