„Da dürften wir uns wol die Blumen theilen?“ fragte der Andre, noch immer mißtrauisch und wie um Sigismund zu prüfen.

„Meinetwegen!“ erwiederte der; „wir wollen sie unter uns theilen, ich nehme die Rose.“

O arme Tosca! im Nu wurden die Blumen aus dem Fidibusbecher herausgerissen und in das Knopfloch von jungen, ihr wildfremden Leuten gesteckt. Dann sprachen sie von andern Dingen.

Gegen Mittag ging Sigismund aus. Könnte ich ihr doch die Lehre geben, dachte er, daß es sich ganz und gar nicht für ein vornehmes Mädchen schickt, so dem Ersten Besten einen Blumenstrauß, und um nichts und wieder nichts zu senden. — Er ging vor ihrem Hause vorbei und trug die Rose im Knopfloch. Tosca saß wie gewöhnlich am Stickrahmen im Fenster, während verschiedene Personen mit Neujahrsglückwünschen um den Sopha ihrer Mutter versammelt waren. Sie beachtete nicht deren Gespräch; sie dachte an ihre Blumen und an Sigismund. Da erkannte sie ihn und ihre Rose. Ihre Augen leuchteten auf, ein glänzendes Roth flammte wie ein Blitz über ihr schönes Gesichtchen. Er trug die Rose, also freute er sich ihrer. Er blickte nicht herauf, also ahnte er nicht, daß sie von ihr komme; oder wenn er es ahnte? — so wollte er sie auf keine Weise in Verlegenheit setzen. Sie wußte ihm tiefen Dank, daß er sie nicht grüßte. Er hatte sie sehr gut bemerkt; doch mit rascheren Schritten ging er vorbei und auf ein hübsches Frauenzimmer zu, das ihm entgegen kam. Es war seine Hauswirthin, die Frau eines Buchbinders, für die er immer ein halb scherzendes, halb verbindliches Wort hatte. Er kehrte mit ihr um, er stattete ihr seinen Glückwunsch ab, er sagte, er habe ihr nichts Besseres zu bieten, als diese Rose, und darum müsse sie sie nehmen. Die hübsche Frau sagte, sie nehme sie sehr gern, denn eine Theerose sei etwas Seltenes. Sigismund gab sie ihr. Tosca saß ein Paar Minuten ganz versunken in ihre heimliche Freude da, und blickte noch immer auf die Straße hinab. Da fuhr sie zusammen; Sigismund kam zurück, ohne die Rose. Eine hübsche Frau ging neben ihm, und die hatte sie in der Hand. Tosca erbleichte und konnte die Augen nicht abwenden. Sigismund sprach lebhaft mit jener Frau. Grade als er unter Tosca’s Fenster war, blickte er rasch mit einer stolzen Wendung des Kopfes zu ihr auf, und grüßte sie tief, aber mit einem eisigen Ausdruck. Dann ging er weiter mit seiner Gefährtin. Tosca erwiederte nicht den Gruß. Er weiß Alles, und er verachtet mich! blitzte es ihr durch den Sinn. Sie sprang auf, ging in ihr Zimmer, kniete nieder und weinte bitterlich. — Sigismund schloß sich den ganzen Tag in seinem Zimmer ein.

Nachmittags klagte die Generalin Beiron über Kopfweh und Uebelbefinden. Gegen Abend gesellte sich starkes Fieber dazu. Professor Zeller ward gerufen; er sprach seine Besorgniß vor einem Nervenfieber aus, und that Alles, um ihm vorzubeugen. Umsonst! nach drei Wochen starb Frau von Beiron. Tosca hatte ihre Mutter mit unglaublicher Treue und Ausdauer gepflegt, alle Nächte bei ihr durchwacht. Nach ihrem Tode brach die Kraft des jungen Mädchens zusammen. Nicht daß sie von einer großen Krankheit befallen wurde! das wäre besser gewesen, meinte der Professor Zeller; sie wurde nervenkrank. Ihr fehlte nichts, aber sie verblühte sichtlich und ihr sonst so fröhlicher Sinn war wie zerknickt. Sie klagte nie. Fragte man sie um ihre Krankheit, so antwortete sie nur: Ich bin nicht krank, aber ich gräme mich. Suchte man sie zu zerstreuen, schlug man ihr Gesellschaft und Bälle vor, die sie sonst so sehr geliebt, so gerieth sie in die heftigste Bewegung und bat dringend, sie damit zu verschonen. Sie verließ nicht das Zimmer. So verging der Winter und ein Theil des Frühlings. Im Mai trat der General eines Tages in ihr Zimmer und sagte:

„Tosca, übermorgen reisen wir nach der Schweiz, Du sollst erst in Gais die Molken- und dann am Leman die Traubenkur brauchen.“

„Gott segne Dich, Papa!“ rief Tosca jubelnd; „nun werd’ ich gesund!“

Als Tosca Beiron im Herbst blühend und frisch, fröhlich und schön nach Bonn zurückkam, war Sigismund Forster nicht mehr dort.

2. Unter den Linden.