Eine lange Reihe von Jahren lag dazwischen. — Es giebt Momente, in denen wir Jahre verschwenden; es giebt Jahre, die uns in der Erinnerung zu Momenten zusammenschrumpfen. Wie wir sie durchleben — ob arm, ob reich: das nimmt oder giebt ihnen Gewicht. Als ein Krösus sich zu fühlen, im königlichen Pomp des Daseins, überschüttet mit allen Kronen des Lebens, seien sie von Damen, oder von Rosen, oder von Diamanten, oder von Lichtstralen — das preßt die Essenz des Lebens in flüchtige Augenblicke zusammen, die durch ihren Inhalt unermeßlich werden. Oder als ein Arbeiter sich zu fühlen, der pünktlich seine Aufgabe erfüllt und dafür seinen Lohn empfängt, von einem Tage zum andern, heute wie morgen, und der sich etwa nur Sonntags ein kleines Vergnügen bereitet, recht blaß, recht steril, ohne lange Vorfreude, ohne längeren Nachhall — das dehnt das Leben aus, ohne es zu erfüllen, und verwandelt lange inhaltlose Epochen in schnellvergessene Augenblicke. Hier ist das Dasein wie ein Goldfädchen, das dünn, dünn und immer dünner, bis zur Unscheinbarkeit und Unhaltbarkeit fortgezogen wird; dort ein Goldbarren .... so prächtig, so schwer, häufig zu schwer. So ist das Leben eingerichtet: am Ueberfluß oder am Mangel leidet der Mensch.

Es war in Berlin am Neujahrstage. Im ersten Stockwerk eines hellgrauen Hauses unter den Linden an der Ecke der Kirchgasse, saß ein noch junger Mann am Schreibtisch und schrieb. Vor ihm lag ein Brief von Frauenhand; er blickte zuweilen hinein, lächelte und schrieb weiter. Zuweilen legte er die Feder hin, lehnte sich zurück und verfiel in Nachsinnen. Die Mittagssonne glänzte hell ins Zimmer hinein. Es sah sehr freundlich, sehr wohlgeordnet aus, ebenso entfernt von Confusion, als von übertriebener Zierlichkeit. Kissen in Tapisserie genäht, lagen auf dem Sopha; an den Wänden hingen einige hübsche Lithographien, Blumen standen in den Fenstern.

Ein Wagen hielt vor dem Hause, und eine Dame stieg aus, begehrte mit der Besitzerin desselben zu sprechen, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihr. Der Schluß davon war, daß die Dame ein wenig ungeduldig sagte:

„Nun, so werde ich selbst den Herrn darum bitten müssen! Sein Sie so gut, mich bei ihm zu melden.“

Die Hauswirthin ging voran, die Dame folgte ihr auf dem Fuß, und während sie die Treppe heraufstieg, fragte sie ein wenig besorgt:

„Der Herr raucht wol sehr stark?“

„Gar nicht, gnädige Frau,“ lautete die beruhigende Antwort der Hauswirthin, welche eben das Zimmer nach raschem Anpochen hastig öffnete, und hineinsprach:

„Herr Regierungsrath, die Frau Generalin von Beiron wünscht Sie zu sprechen.“

Der Mann machte eine lebhafte Bewegung, griff mechanisch nach der Brille, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, und setzte sie auf, indem er sich erhob.

Heutzutag hat ein Mann über dreißig Jahr entweder eine kahle Platte, oder er trägt eine Brille. An diesen Wahrzeichen sind die Söhne unsers Jahrhunderts zu erkennen. Wem sie fehlen, der gehört, mit seltnen Ausnahmen, den letzten Tagen des vergangenen an.