„Da ist der Herr Regierungsrath Forster,“ sagte die Hauswirthin zu der Dame.
Tosca Beiron und Sigismund Forster standen sich gegenüber. Er erkannte sie auf der Stelle. Er wunderte sich, daß sie den Namen trug, den einst ihre Mutter getragen, aber er war nicht einen Augenblick in Zweifel. Sie hatte die ganze Eigenthümlichkeit ihrer Physiognomie behalten: ihre beherrschenden Augen, ihr reizendes Lächeln, ihre unbefangene stolze Haltung; auch ihre Züge waren dieselben, nur ausgeprägter, schärfer, der Mund vielleicht etwas zu groß und die Stirn an den Schläfen nicht mehr ganz frisch. Mit einem Blick übersah es Sigismund. Von Kopf zu Fuß war sie in violetten Sammet gekleidet, und in der Hand hielt sie einen großen Strauß der allerschönsten Frühlingsblumen. Sie sah magnifik aus, als sie so mitten in dem sonnenerleuchteten Zimmer stand. Sie erkannte ihn nicht; oder vielmehr — sie dachte nicht daran, ihn zu erkennen. Sie hatte jetzt andere Gedanken, als ihn. Und überdies war Sigismund auch nicht mehr der schöne heitere Jüngling aus Bonn. Heutzutag ist das Leben eines Mannes, der seinen Weg auf ganz gewöhnlichem Wege machen muß, und darin durch keine allmächtige Protektionen und Connexionen unterstützt, oder durch keine ganz überwältigende Talente gehoben wird — anstrengend und mühselig. Und Anstrengung zerstört die Schönheit — die Schönheit der Züge, die des Ausdrucks nicht. Sigismund hatte scharfe Züge, und sah ernst und kalt aus, kalt sogar, wenn er verbindlich sprach und lächelte. Die Schmarre, welche ihm einst Hohenberg auf der linken Wange beigebracht, war durch einen starken dunkeln Bart bedeckt. Seine Augen hätten vielleicht die Strenge des Gesichts mildern können; aber die Brille verdarb sie, wie zu starker Firniß den Eindruck des schönsten Oelgemäldes schwächt. Bei dem Allen war etwas Festes und Klares in dem Gesicht, etwas, das Vertrauen weckte, und als er mit fester und tönender Stimme, und sich verbeugend, zu Tosca sagte:
„Was verschafft mir die Ehre, Sie hier zu sehen, gnädigste Frau?“
Da entgegnete sie zuversichtlich:
„Die Hoffnung, daß Sie mir eine große, eine übergroße Bitte nicht abschlagen werden.“
Sie setzte sich und fuhr fort, als er sie schweigend und erwartungsvoll ansah:
„Mit zwei Worten: ich wünschte, daß Sie mir diese Ihre Wohnung abtreten und dafür die im zweiten Stockwerk, welche ihr ganz ähnlich ist, nehmen mögten. Meinethalben würde ich weder Sie noch irgend Jemand mit dieser Bitte belästigen; ob ich eine Treppe oder drei steige, ist mir einerlei, und eben so, ob mein Zimmer nach Süden oder nach Norden liegt. Aber mein Mann ist krank, sehr krank; jeder Schritt wird ihm schwer, und mit der, den meisten Kranken eigenen Laune behauptet er, grade diese Wohnung, eine Treppe hoch, Südseite, und in der wir schon vor einigen Jahren gewohnt haben, sei ihm die bequemste, ja mehr! die heilsamste in ganz Berlin. Wir wohnen in British Hotel; es hat dieselbe Lage, allein das Geräusch des Gasthofs ist ihm unerträglich. Da drüben ist ein Haus ganz zu unsrer Disposition; er behauptet, durch die Lage nach Norden wären die Zimmer in Keller verwandelt. Auf der ganzen Südseite der Linden ist in keinem Privathause eine Miethwohnung frei, außer hier im zweiten Stockwerk — und die Linden .... verlassen Fremde so ungern“ .... —
„Gnädige Frau,“ sagte Sigismund, „diese Wohnung steht Ihnen sofort zu Befehl.“
„O Sie sind gütig!“ rief sie lebhaft.
„Es ist mir, wie Ihnen, vollkommen einerlei, gnädige Frau, wie viel Stufen ich zu meinem Zimmer zu steigen habe,“ sagte er ruhig.