„So freut es mich doppelt, daß Sie kein Opfer zu bringen haben, indem Sie den Wunsch eines beklagenswerthen Kranken erfüllen,“ entgegnete sie sanft. „Und wann würden Sie, ohne allzu unbequeme Uebereilung, diese Wohnung verlassen können?“

„Das Zelt eines einzelnen Mannes ist eben so leicht abgebrochen als wieder aufgeschlagen, gnädige Frau, und ich werde es heute und sogleich thun .... denn Ihr Herr Gemahl mag schon ungeduldig sein.“

Tosca stand auf und machte eine Bewegung, als wolle sie ihm die Hand geben; aber, sich besinnend, drückte sie beide Hände gefalten vor die Brust und sagte mit großer Herzlichkeit:

„Ach, daß Sie es thun würden, wußt’ ich wohl, aber wie — das konnt’ ich freilich nicht ahnen.“

„Und dürfte ich fragen,“ entgegnete Sigismund lächelnd, „was Ihnen im Voraus die Gewißheit meines Gehorsams gab?“

„O mein Herr!“ rief Tosca lebhaft, „die Außergewöhnlichkeit meiner Bitte! eine so extraordinäre Insolenz von meiner Seite muß durch einen sehr gewichtigen Grund motivirt und entschuldigt werden — und das wird der begreifen, dem ich meinen Wunsch ausspreche, und ihm willfahren; — so dacht’ ich. Allein, das Wie liebenswürdig zu finden .... darauf durft’ ich nicht rechnen.“

Sie ging der Thür zu, stand still, sah sich rings im Zimmer um und sagte:

„Ach, es ist freundlich hier! Sie haben hier gewiß manche angenehme Stunde, manchen lieben Augenblick verlebt, und wir verjagen Sie unbarmherzig, und machen Ihnen gar heute den Festtag zu einem recht unbequemen Werktag. Nun, ich danke Ihnen aus voller Seele! Ein warmer aufrichtiger Dank bringt mehr Segen, als alle Neujahrsglückwünsche.“

„Das glaub’ ich gern, gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund und begleitete Tosca bis zur Treppe. Dann kehrte er ins Zimmer zurück, trat ans Fenster und sah sie in den Wagen steigen, der die Linden herauf fuhr. Ihm war leicht ums Herz, so, als habe er die knabenhafte Ungezogenheit von Bonn gut gemacht. Und wie sie schön ist, wie beherrschend durch Blick und Haltung! dachte er, als er ihr nachblickte; eine prächtige Erscheinung — ganz, wie sie zu werden versprach. — Neben dem Stuhl, auf welchem Tosca gesessen, lag eine Tazettenblüthe, wie ein kleiner goldener, aus dem Himmel auf die Erde gefallener Stern. Sigismund hob sie auf und legte sie in sein Portefeuille. Dann begann er seine Uebersiedelung. Damit verging der Tag. Am Abend saß Sigismund im Zimmer des zweiten Stockwerks am Schreibtisch, um den Brief zu beenden, bei dem er durch Toscas Eintritt gestört worden war. Drei Seiten waren beschrieben. Auf die vierte schrieb er:

„Ich bin unterbrochen worden, liebe Agathe. Aber es thut nichts, denn ich hoffe nächstens auf ein Paar Tage nach Magdeburg kommen zu können, und da holen wir mit Plaudern nach, was ich heut mit Schreiben versäumen mußte. Diese Aussicht macht Deine lieben freundlichen Augen noch freundlicher — nicht wahr? Gott segne diese lieben Augen, meine Agathe, damit sie nichts als Freude, Glück und Liebe auf der Welt sehen, und mir ins Herz blicken mögen.“