S. F.
Dreiviertel des letzten Blatts blieb unbeschrieben. Sigismund couvertirte den Brief und trug ihn selbst auf die Post. Er ging an British Hotel vorüber und sah zu einigen hellerleuchteten Fenstern im ersten Stockwerk empor. Da wohnt sie gewiß, dachte er, und mit einem kranken Mann! — Ihm fiel ein, daß es grade zwölf Jahre waren seit jenem Tage in Bonn, wo er sie so muthwillig gekränkt, und zum letzten Mal ihr schönes Gesichtchen, aber erbleichend und traurig, zwischen den Blumen im Fenster gesehen hatte. Am Abend spät war er wieder vorbei gegangen, und mehrmals auf und ab; seine Ungezogenheit that ihm gar so leid! Er wünschte glühend, sie gut zu machen, Tosca um Verzeihung zu bitten .... aber er sah sie nicht mehr, nie wieder. Ihre Mutter starb, sie erkrankte, sie reiste; er trauerte mit ihr, um sie. Wie ein Meteor, das man ein Mal sieht und nimmer wieder, so war sie aus seinem Horizont verschwunden. Jahre lang dachte er an sie. Wenn er eine schöne Blondine sah, so flüsterte eine Stimme ganz heimlich in ihm: „Fast so schön wie Tosca Beiron.“ Großer Schmerz kam über ihn, sein Vater starb und hinterließ seine Familie unbemittelt. Es folgten eiserne Zeiten voll Sorge und Anstrengung. Durch Schmerzen und durch Mühen mußte er sich kämpfen, und er that es. Die Seinen blickten mit Hoffnung und Liebe auf ihn. Er war ihr Trost, ihre Zuversicht, ihre Freude. Und so ging es ihm denn allmälig besser, und zuletzt gut. Jetzt hatte er im Hause seiner Schwester, die in Magdeburg mit seinem Universitätsfreund Friedrich verheirathet war, ein junges Mädchen kennen gelernt, das er herzlich lieb hatte. Er war mit ihr verlobt, im Frühling wollte er sie heirathen. Toscas Bild war erst blaß und nebelhaft in ihm geworden, dann verschwunden, wie eine Todte im Grabe. Das Leben rauscht darüber hin, und deckt es zu, und nimmt uns so in Anspruch, daß wir nicht Zeit haben, an unsre Todten zu denken. Ständen sie aber auf aus ihrem Grabe, in ihrer alten Schönheit, mit ihrer alten Macht, so würden sie uns wieder beherrschen, wenn sie uns je beherrscht haben; denn begraben können wir viel, aber tödten nichts.
Solche Bilder glitten an Sigismund vorüber, als er durch die Straßen ging. Er versuchte an die Zukunft zu denken, aber magnetisch zogen ihn die Gedanken in die Vergangenheit zurück. „Agathe, zu Dir!“ sagte er halblaut. — —
Am andern Morgen gegen zehn Uhr nahm der General Beiron die Wohnung in Besitz, welche Sigismund verlassen hatte. Zwei Diener trugen ihn aus dem Wagen die Treppe hinauf; er hatte die Brustwassersucht. Ein junger Mann, der schon zwei Stunden früher in Begleitung von Handwerkern und Trägern mit vielen Meublen und Geräthschaften gekommen war, empfing ihn und Tosca, und sagte:
„Ich hoffe, lieber Onkel, daß Sie ziemlich zufrieden mit meinen Anordnungen sein werden, und daß meine schöne Tante ein andres Wort, als ein spöttisches für mich hat.“
„Mein guter Ignaz, ich danke Dir!“ sagte der General freundlich, und gab ihm die Hand.
„Das wollen wir sehen, Ignaz,“ sagte Tosca und ging durch die Zimmer. Nach zwei Minuten kam sie wieder und sagte lachend:
„Ich muß Sie loben, mein Ignaz! in allen Zimmern ist etwas ganz Wesentliches vergessen. Hier im Salon ein Schachbrett-Tisch, im Zimmer meines Mannes Sophapolster, und in meinem Zimmer Blumen.“
„Sie sehen, lieber Onkel, daß ich wirklich Recht habe, mich ein wenig über die eiserne Unnachsichtigkeit meiner schönen Tante zu grämen. Gestern waren alle Magazine geschlossen; heute war’s bis früh acht Uhr Nacht. Ich schmeichelte mir, in zwei Stunden geleistet zu haben, was in menschlicher Kraft steht .... aber nein!“ ....
„Und abermals nein!“ unterbrach ihn Tosca; „denn Sie haben mich bis daher immer glauben machen, daß Ihnen zu meinem Dienst mehr als menschliche Kräfte zu Gebot ständen.“