„Sind Sie es?... mein Gott!“
„Ich glaube, wir sind alte Bekannte,“ entgegnete er, „und ich war schon gestern nicht im Zweifel, wen ich die Ehre hatte zu sehen.“
„Ich erkannte Sie nicht, und wahrscheinlich deshalb nicht, weil Ihr Auge wie ein Bild hinter Glas und Rahmen lag. Jetzt gut — sehr gut!“
„Doch wol kaum, gnädigste Frau; ein halbes Leben liegt zwischen heut und damals. Da verändert man sich, oft, durch und durch! Ernst tritt an die Stelle der Heiterkeit, Zweifel an die des Vertrauens, Ueberlegung an die der Unbesonnenheit.“
„Vielleicht ist das mehr bei Männern der Fall als bei Frauen,“ entgegnete Tosca. „Jene müssen ihre Stellung oder ihre Existenz der Welt abringen; diesen wird sie gemacht und dargeboten. Unser Leben ist von der Wiege bis zum Grabe recht sorglos und leicht, und daher verändern wir uns auch wenig.“
„Es freut mich von ganzem Herzen, daß Sie Ihr Leben leicht und sorglos nennen, gnädige Frau — und nicht blos darum, weil es für Ihre Zufriedenheit spricht, sondern ebensosehr, weil Sie es anerkennen.“
„Ja ja, ich weiß wol,“ sagte Tosca, „daß einige kleine Klagen über verschwundene Illusionen und unerfüllte Wünsche und zerknickte Hoffnungen uns sehr gut stehen; aber ich liebe es wahr zu sein, und da mir nichts zerknickt noch untergegangen ist, so versteh ich auch nicht graziös darüber zu lamentiren. Jetzt bin ich aber doch traurig,“ setzte sie ernst hinzu; „mein Mann ist leidend, und rettungslos. So spricht er selbst, so geben die Aerzte es zu verstehen. Es ist entsetzlich, keine andre Erlösung von so großen Qualen erwarten zu dürfen, als den Tod. Wissen Sie, was es heißt, Jemand leiden, hinsterben und sterben zu sehen, den man liebt?“
„Ich weiß es! ich habe meinen Vater an jammervoller Krankheit verloren.“
„Ihren Vater? ... o ja, das ist beklagenswerth. Aber sehen Sie, es ist doch noch ein andrer Schmerz. Ich habe auch meinen guten Vater verloren, und meine geliebte angebetete Mutter...“
„Damals war ich in Bonn.“