„Ich erinnre mich,“ sagte Tosca erröthend. „Nun, ich beweinte, ich betrauerte die Eltern, ich denke noch jetzt nie ohne Dankbarkeit für ihr Leben und Wehmuth um ihren Tod an sie; aber wenn der Mann uns stirbt, da fehlt uns die Erde unter den Füßen, da ist uns die Gegenwart und die Zukunft ruinirt; die Eltern gehören nur unsrer Vergangenheit an.“
„Die Natur hat Kräfte und Hülfsquellen, gnädige Frau, welche oft die Aerzte selbst überraschen“ ... —
Tosca schüttelte traurig den Kopf: „Seit drei Jahren leidet er an der Brustwassersucht; davon erholt man sich nicht! Er nicht! er ist nicht jung mehr, er ist im sechszigsten Jahr.“
Während Tosca gesprochen, hatte Sigismund sich unwillkürlich von dem General das Bild eines noch jungen Mannes entworfen, ihrem Alter angemessen, leidend an irgend einem Uebel, das durch eine starke Natur zu heben sein werde; — aber die Brustwassersucht, aber sechszig Jahr, aber ein kranker Greis! und für ihn solche Zärtlichkeit! das überraschte ihn so, daß er Mißtrauen gegen sie faßte, und in diesem Sinn sagte er:
„Tröstungen sind immer unstatthaft. Indessen gnädige Frau, sollte die bedeutende Altersverschiedenheit zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl Sie doch von Anfang an auf die Möglichkeit vorbereitet haben, ihn zu verlieren.“
„Ach!“ rief sie ein wenig ungeduldig, „wer denkt an so triste Möglichkeiten, wenn man glücklich ist? Es ist wahr! ich war 18 Jahr, als ich ihn heirathete, und er war 48. Allein der Unterschied der Jahre machte mir keinen andern Eindruck, als daß ich mich zuweilen zu jung für ihn fand; er kam mir nie zu alt für mich vor. Und dann .... daß man jung ist, ist ja kein Grund um lange zu leben.“
„Doch ist er gültiger für die Jugend als fürs Alter,“ erwiderte Sigismund lächelnd.
„Ueber die Jugend kommen die plötzlichen, die vernichtenden Stürme,“ sagte sie. „Im Frühling fallen im Gebirg die Lawinen — nicht im Winter.“
Sigismund sah sie an. Jung, schön, glücklich, und so ernst? dachte er heimlich; und weil er dachte, so schwieg er. Tosca sagte während der Zeit:
„Mein Mann wünscht sehr Ihre Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie diesen Wunsch ebenso freundlich erfüllen wollen wie seinen ersten, so müssen Sie ihn Abends besuchen; das ist seine gute Zeit. Er ist so gesellig, so mittheilsam, interessirt sich so lebhaft für Alles, was draußen in der Welt vorgeht, und kann jetzt nur noch durch Erzählung Anderer daran Theil nehmen. Aber das erfrischt ihn sichtlich. Zum Glück hat er hier manche Bekannte aus früherer Zeit, die ihm gern ein Stündchen schenken.... — Vergebung!“ unterbrach sie sich plötzlich und verließ rasch das Zimmer.