„Kann man das nicht mit Ueberzeugung sagen, so ist es Eigensinn und bleibt nutzlos.“
„Nutzlos — wie ein Wiegenlied, das von wundervollen goldnen Herrlichkeiten, die nie existirt haben, uns vorsingt und in den Schlaf lullt.“
„Ist schlafen — glücklich sein, gnädige Frau?“
„O Sie machen mich traurig,“ sagte Tosca lebhaft. Sie hatte sich bis daher so gesetzt, daß sie ihm grade ins Gesicht sah; nun wendete sie sich ab, und dem Kreise zu, der um den Tisch versammelt war. Sie mischte sich in die Unterhaltung, und sprach sehr munter und scherzend. Sigismund hörte ihr zu. Sie hatte eine reine biegsame Stimme, ein frisches Lachen, unbefangene Bewegungen, den natürlichsten Ausdruck. „Ist schlafen — glücklich sein?“ wiederholte Sigismund heimlich für sich, „schläft sie? ... aber so selbstbewußt! wacht sie? ... aber so bewußtlos!“ — Er vertiefte sich in seine Gedanken, wie einem das wol in der Gesellschaft geschehen kann, wenn man in schweigsamer Laune ist, und das Gespräch der Uebrigen, wie einen zum Nachsinnen auffordernden, murmelnden Bach, an sich vorübergleiten läßt. Es überfiel ihn eine brennende traurige Sehnsucht nach Agathen. „Denn sie liebt mich!“ dachte er. Hätte er gedacht: „denn ich liebe sie!“ so wäre die Sehnsucht wol brennender, aber nicht traurig gewesen.
„Und Sie gehen morgen auch mit, nicht wahr?“ wandte sich Tosca plötzlich zu ihm.
„Mit dem größten Vergnügen,“ sagte er fast erschreckt auffahrend; — „aber wohin, gnädige Frau?“
Tosca drohte ihm mit dem Finger: „Ist das recht, so zerstreut, so theilnahmlos zu sein? Wo waren Sie denn mit Ihren Gedanken?“
Er wollte schon antworten: „Bei meiner Braut;“ — aber sie setzte sogleich hinzu: „Und warum sehen Sie denn überhaupt so eisern ernst heute aus?“ — Da paßte die Antwort nicht mehr, und er sagte:
„Das Gespräch von vorhin hat mich so ernst gestimmt, denn die Erinnerungen sind in mir wach geworden, und die haben die melancholische Magie des Mondlichts über mich. Ich bitte, haben Sie die Gnade, mir zu sagen, wohin ich morgen gehen werde?“
„Ins Conzert, zu Liszt; ich denke, Sie thun es gern.“