„Gut denn! ich werd’ es sagen! Paßt auf und glaubt mir,“ sprach Friedrich. „Die Gesundheit ist’s.“
„Das nenn’ ich wie ein Arzt gesprochen!“ rief Auguste.
„Wie ein Menschenkenner, liebes Kind,“ entgegnete ihr Mann gelassen, „was freilich synonym mit Arzt ist. Ich sage Euch: ohne Gesundheit, ohne die Frische, die Kräftigkeit, die Unverwüstlichkeit der leiblichen Organisation ist gar keine Verzauberung möglich. Ja, die schöne Eboli hatte nur ein Auge! ja, die schöne Diana war vierzig Jahr alt! und geweint, und gesorgt, und sich gegrämt haben Beide gewiß in reichlichem Maß — denn umsonst ist Niemand bezaubernd! das merkt Euch, und man muß dafür zahlen mit Schmerzen und Thränen! — aber was schadet das? die schönste Gabe des Himmels, eine unzerstörbare Gesundheit, machte, daß sie durch Sorgen, Unruh und Aengste nicht häßlich wurden. Eine Frau kann ein halbes Jahr in Thränen zerschmelzen, und es wird ihrer Schönheit bei Weitem weniger Eintrag thun, als wenn sie drei Tage den Magenkrampf hat. Gesund muß sie sein! in einem welken und gebrechlichen Körper ist der Seele schlecht zu Muth, hat sie nicht ihre Fähigkeiten, ihre Gaben rund und klar und frisch beisammen! weder die leiblichen noch die geistigen Grazien können hervortreten. Der Geist ist ohne Spannkraft, ohne Energie; in lahmen, mürrischen oder sentimentalen Launen schleicht er dahin — matt wie der Puls, der das Blut nur nothdürftig durch die Adern treibt, so daß das Auge nicht stralen, die Wange nicht glühen kann. Wenn ich von einer ungewöhnlich schönen und liebenswürdigen Frau höre, so schreib’ ich flugs sieben Achtel ihrer Herrlichkeit ihrer guten Gesundheit zu, und freue mich einen Beruf gewählt zu haben, der dies Fundament aller Vortrefflichkeit im Menschengeschlecht herzustellen oder zu begründen strebt. Gewiß hat Tosca Beiron eine wundervolle Gesundheit.“
Sigismund lachte hell auf, klopfte seinen Schwager auf die Achsel und sagte zu seiner Schwester:
„Straf’ ihn Lügen, liebe Auguste, weil er vorhin gesagt hat: ein Mann hat ein andres Herz als ein Student. Glaube Du mir: er hat noch ganz dasselbe wie vor zwölf Jahren! da fing er auch seine Reden mit Galenus, Boerhaave und Paracelsus an, und endete sie unfehlbar mit Tosca Beiron.“
„Ich mögte sie wol sehen,“ sprach Agathe.
„Uns würde sie nicht verzaubern, liebe Agathe,“ rief Auguste. „Frauen, die allen Männern gefallen, gefallen uns nicht.“
„Sehr natürlich!“ sprach Friedrich; „Ihr beneidet sie.“
„Neid? weil sie Euch gefallen?“ sagte Auguste spöttisch. „Ach nein! das gelingt Jeder, die es darauf anlegt; und eben diese Koketterie ist’s, welche uns Andere abstößt.“
„Euch Andere, die Ihr nicht kokett seid; nicht wahr, Gustel, das willst Du sagen?“ sprach Friedrich. „Liebes Kind, wenn Dirs nur einer glaubte! Koketterie ist Euer Fach, Eure Bestimmung, Eure Neigung, Eure Glorie. Ihr sollt und wollt gefallen — dazu seid Ihr von der Natur bestimmt. Eine Frau, die keinem Mann gefällt, ist ein unglückseliges Geschöpf, eine mißrathene Creatur, ein Monstrum“ .... —