„Bravo, Agathe!“ rief Auguste schadenfroh.

„Eure schöne, liebenswürdige Natur sollt Ihr zeigen,“ entgegnete Sigismund; „sollt nicht prüde thun, wie vorhin mein Schwesterchen gegen die Frauen, welche uns gefallen; sollt nicht die prächtigen unter Euch beneiden, und die alltäglichen herausstreichen, was beiläufig gesagt, ein ganz abgebrauchtes Mittel ist; kurz, lieblich sollt Ihr sein.“

„O,“ rief Auguste, „wie kannst Du das Sein Koketterie nennen!“

„Nicht das Sein — das Zeigen!“ sagte Sigismund.

„Ich nenne nur das Scheinen so,“ entgegnete sie.

„Es ist umsonst, Sigismund!“ sprach Friedrich; „gegen manche Dinge, Worte, Personen, haben die Frauen Vorurtheile, und es ist leichter, eine Welt von Männern zu bekehren, als das Vorurtheil einer einzigen Frau zu besiegen. Auguste hat sich nun einmal entschlossen, der Koketterie ihren Platz im tiefsten Höllenpfuhl anzuweisen. Da könnte unser Herrgott sie des Paradieses würdig erachten; Auguste würde sprechen: Unser Herrgott thut sehr übel daran. Und das geschieht, um mir einen Beweis ihrer Aufrichtigkeit zu geben, ihrer himmelklaren Gesinnung, welche jede Schminke verachtet, jeden Um- und Nebenweg verschmäht, jede Huldigung abweist. Und das soll ich glauben! O Ihr Frauen! wenn’s Euch möglich wäre, aufrichtig zu sein, so wärt Ihr göttlich“ .... —

„Und folglich viel zu gut für Euch!“ unterbrach ihn Auguste. „Ihr könnt so wenig unsre Aufrichtigkeit vertragen, daß wir sehr gescheut daran thun, Euch nicht zu tief in unsre Gefühle, sogar für Euch selbst, einzuweihen. Das macht Euch auf der Stelle gleichgültig. Eigenliebig, wie Ihr nun einmal im erschreckendsten Grade seid, denkt Ihr alsbald: ‚So hoch liebt sie mich nur? so tief liebt sie mich nur? Aber da sind ja Schranken und Grenzen! Nein, ich muß ganz anders geliebt werden! Wollen es mal mit einer Andern versuchen.’ Was Euch fesseln sollte, stößt Euch ab, Euch verkehrte Leute! und wenn wir Takt genug haben, unsre Seele vor Euch zu verschleiern, um Euch Euer Glück zu bewahren, so klagt Ihr, wir wären nicht göttlich genug für Euch. Das ist zum Todtlachen!“

„Ach! zum Todtweinen eher!“ rief Agathe.

„Nun grämt sich dies arme unschuldige Kind,“ sagte Auguste lachend. „Tröste sie doch, Sigismund. Sag’ ihr doch, das, was ich gesagt habe, sei nicht wahr. Sie wartet ja nur auf ein halbes Wort von Dir, um auf dessen Wahrheit zu schwören, und um meine Wahrheiten Blasphemie zu nennen.“

„Es ist doch etwas Traurig-Wahres in ihnen!“ entgegnete Sigismund; „es paßt auf die allgemeinen Fälle, aber Jeder behauptet, für seinen besondern Fall sei eine Ausnahme zu machen.“