„Ich werde Dir eins von violettem Maroquin mit goldnen Schnürchen machen; das trägt sich sehr bequem, und dann wirst Du es brauchen — nicht!“
Er nahm ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Er fühlte sich innerlichst zerknirscht durch diese Selbstverleugnung, und durch seine Undankbarkeit; denn Freude darüber, daß sie nicht weiter fragte, hatte großen Theil an seinem innigen Dank: das verhehlte er sich nicht. „Aber ich bin ein Ungeheuer!“ sprach er immerfort heimlich zu sich selbst, während er laut eine muntere Unterhaltung mit seiner Schwester und ihrem Mann fortsetzte. Die Zeit wurde ihm lang, unermeßlich lang. Ihm war, als sei er bereits Wochen in Magdeburg gewesen. Die Gegenwart drückte ihn, und doch graute ihn vor der Rückkehr nach Berlin.
Erschöpft, wie von der mühseligsten Arbeit, verließ er Agathe am späten Abend, und so wie der gestrige ihn beruhigt hatte, eben so aufgeregt hatte ihn der heutige. Der ganze Tag war qualvoll gewesen .... qualvoll durch die unendliche Erinnerung an Tosca, die sich zwischen ihn und die arme Agathe wie eine Wolke drängte ... qualvoll durch die Sorge, Agathen weh gethan zu haben in Allem, was er gesagt, und nicht gesagt ... qualvoll durch die Vorwürfe, die er sich selbst nicht sparte über seine Kälte gegen die Liebe eines so jungen, frischen, zärtlichen Herzens. Er hatte nie eine leidenschaftliche Neigung für Agathe gehabt; aber er hatte sich auch sonst noch nie darüber entsetzt, daß er sie nicht habe. Jung, schön, intelligent, von tiefem Gefühl, einfach und anspruchlos erzogen, wie Agathe war, konnte er unmöglich an einem häuslichen Glück, an einer zufriedenen Ehe mit ihr zweifeln. In dieser tiefen Zuversicht hatte er ihr seine Hand geboten .... und durch die Begegnung mit einer Frau, welche die Gattin eines Andern war, und von der er gar nicht wußte, ob sie andre, als gleichgültige Gesinnungen gegen ihn hege — war diese Zuversicht im Fundament erschüttert. Er stellte die beiden Frauen neben einander; er führte sich Alles vor die Seele, was zu Agathens Gunsten sprach. Ja, Tosca war zehn Jahr älter! war verwöhnt durch die Welt und die Menschen! machte Ansprüche, hatte Wünsche, welche Agathen vielleicht ewig fern bleiben würden! — Aber wenn er sich die Möglichkeit dachte, sie die Seine nennen zu dürfen, wie Agathe es werden sollte: so kam ihm auf einmal das Leben durchstralt und verklärt vor, und zu einer Sphäre emporgehoben, die sich zu seinem gewohnten Zustand verhielt, wie der volle Mittsommertag zu einem stillfreundlichen Herbsttag; — so fluteten ihm namenlose Freudigkeiten durch die Seele, wie Naphthaquellen, unauslöschlich, flammend; — so erschien ihm sein ganzes Dasein klar, abgerundet, ein Weg zu ihr, ein Streben nach ihr, befriedigt und beseligt durch sie, die ihm die Krone des Lebens reichen würde. Für sie würde die Anstrengung ein Reiz und der Ehrgeiz ein Genuß sein. Weil sie fliegende Wünsche und große Ansprüche hatte, weil sie vom materiellen Leben nichts kannte, als Sammt und Atlas, so wär’ es ihm eine Wonne gewesen, sie wie eine Königin unter einen sammtnen Baldachin zu stellen. „Denn ich liebe sie!“ sprach er ganz laut in der stillen Nacht, und fuhr zusammen bei dem Schall seiner Stimme, bei dem Wort, durch welches er von sicherm Glück sich schied, um ungewissen Qualen entgegen zu gehen. Die Arme fielen ihm schlaff herab. „Nein!“ rief er dann plötzlich ermannt, „es soll und darf nicht sein! ist bei ihr die Macht, so sei bei mir die Kraft. Ich gehöre Agathen an; ich habe kein Recht mehr auf mich selbst.“
Kaum war es Tag, so eilte er zu Agathen. Freudig überrascht fiel sie in seine Arme. Er drückte sie heftig an sich und sagte beklommen:
„Agathe, liebe einzige Agathe! ich hab’ eine Bitte, eine glühende, dringende Bitte. Heirathe mich heute, gleich, auf der Stelle.“
„Um Gottes willen, Sigismund, was ist Dir widerfahren!“ rief Agathe und blickte mit Angst in sein bleiches Antlitz, in sein tiefliegendes Auge, das von der schlaflosen Nacht und der bittern Seelenpein zugleich müde und fieberhaft aussah.
„Nichts! ich schwör’ Dir — nichts!“ sagte er. „Es sind mir nur Gedanken gekommen von der Nutzlosigkeit unsrer ferneren Trennung. Wo ist Deine Mutter, liebe Agathe? hilf mir bitten, bis sie Ja sagt! ... Denn Du sagst Ja! nicht wahr?“
„Ich weiß nicht, Sigismund,“ entgegnete sie schüchtern; „aber ich werde die Mutter rufen.“ Sie ging.
„Gott lenke ihr Herz!“ dachte Sigismund. „In dem Bewußtsein, mein Wort nicht gebrochen und Agathens Glück begründet zu haben, werd’ ich all’ meine Kraft und Besonnenheit wiederfinden.“ — Agathe kam mit ihrer Mutter, und weniger stürmisch, doch ebenso dringend, legte Sigismund ihr seine Bitte ans Herz.
„Das ist ganz unmöglich,“ entgegnete die Justizräthin Gertner höchst gelassen, „denn Agathens Aussteuer ist nicht fertig.“