„Ich find’ es in der That noch unbegreiflicher,“ unterbrach Sigismund sie lebhaft, „daß Sie Sich so sehr darüber verwundern. Wir sind jetzt sechs Wochen verlobt, und die Zeit ist mir lang genug geworden, um zu wünschen, daß sie aufhören möge. Agathe lebt hier, ich lebe in Berlin; ich kann nicht so oft herüber kommen, als es uns Beiden lieb wäre; — die Heirath bringt das in Ordnung.“

„Ich bin nicht für solche eilfertige Heirath, ohne vorhergegangenen Brautstand,“ sagte die Justizräthin sehr trocken, und fügte die hergebrachte Phrase hinzu: „Ihr müßt Euch doch Beide ein wenig kennen lernen, ehe Ihr Euch heirathet.“

„Das geschieht viel gründlicher in der Ehe,“ versicherte Sigismund.

„Aber lassen Sie mir meine Tochter doch noch die zwei armseligen Monate!“ rief die Justizräthin. Sie hatte nun einmal ihre Einrichtungen für die ersten Apriltage gemacht; pünktlich und bedächtig, wie sie war, schien es ihr Frevel, an dieser wohlüberlegten Veranstaltung zu rütteln. Da sie durch ihre Gründe Sigismund nicht überzeugte, so nahm sie zur mütterlichen Zärtlichkeit ihre Zuflucht, wohl wissend, daß dies die letzte Epoche sei, in welcher der künftige Schwiegersohn auf dieselbe Rücksicht nehmen würde.

„Auf diesen Ausspruch darf ich freilich keine Bitte mehr folgen lassen,“ sagte Sigismund sehr niedergeschlagen; „aber Sie wissen nicht, Frau Justizräthin, wie weh Sie mir thun.“

„Mein bester Forster,“ erwiederte sie begütigend und froh, weil sie den Sieg davon getragen, „wie kommen Sie, ein verständiger Mann, zu solcher kindischen Ungeduld? Das Gute trifft ja immer früh genug ein, sobald wir nur sicher wissen, daß es eintrifft, und wir haben das Glück um desto lieber, je länger wir uns danach gesehnt haben.“

Sigismund konnte ihr nicht antworten, daß diese Sehnsucht aber zuweilen verschwinde, und daß es das höchste Glück des Glückes sei, wenn es grade im rechten Moment eintreffe; denn heute kann dasjenige Wonne bereiten, was morgen Angst bereitet, und das Ereigniß, das uns jetzt als ein Segen trifft, hätte ein Jahr früher ein Fluch sein können. Die Justizräthin erzählte ihm weitläuftig, wie die Wohnung beschaffen sein müsse, die er zu wählen habe: nicht unten im Hause, da sei es leicht kellerhaft und feucht; und auch nicht zu viel Treppen hoch, das sei beschwerlich für die Wirthschaft; nicht unter den Linden, wo es wenigstens um ein Drittel theurer sei, aber auch nicht zu tief in der Stadt, weil die Abgelegenheit auch ihre großen Unbequemlichkeiten mit sich bringe. Dann ging sie auf die Meubles über, auf Tische und Stühle; ob von Mahagoni, ob von weniger kostbarem Holz. Zuletzt auf das Küchendepartement! Sigismund wurde immer einsylbiger und einsylbiger. Vorgestern noch, vielleicht noch gestern, hätte er lebhaften Antheil an diesen kleinen Verhandlungen genommen, die allen Personen interessant sind, welche sich ihr Haus begründen wollen, weil sich dabei viel Eigenthümlichkeit des Geschmacks und der Neigungen offenbart. Je enger die Verhältnisse sind, um desto mehr nehmen sie den Character der Wichtigkeit an, denn es gehören Studium und Combinationen dazu, um mit beschränkten Mitteln auszulangen. In leichter Stimmung fühlt man diese Beschränkung nicht wie einen Druck; im Gegentheil! nur wie einen Reiz, um ihn zu besiegen. In trüber Stimmung wird ein unerträglicher Druck daraus! Ein schweres Herz ist gleichgültig gegen die materiellen Aeußerlichkeiten des Lebens, die ihm nicht anders als nebensächlich erscheinen können, und durch diesen höchst natürlichen Mangel an Theilnahme, den Andre sich freilich nicht erklären können, kommt er ihnen, und wol gar sich selbst, lieblos vor. Was lag Sigismund in diesem Augenblick daran, ob ein Tisch von Polixandre- oder von Tannenholz sei?

Agathe nahm seine Verstimmung wahr, und sie grämte sich darum. Sie hatte ihre alte Zuversicht zu Sigismund verloren. Der gestrige Tag, voll Unbehagen und Schmerzlichkeit; dann seine heutige übereilte Bitte, auf welche eine so große Abspannung, wie eben jetzt folgte — brachte sie ganz aus ihrem Gleichgewicht. Sie hätte ihm gern etwas Herzliches gesagt; aber sie fürchtete, zu viel zu sagen. Sie hätte auch eben so gern geschwiegen; aber dann erfuhr sie noch weniger Sigismunds Gedanken, der gar nicht in mittheilender Laune zu sein schien. Am liebsten unzweifelhaft hätte sie geweint; aber sie schämte sich so zu weinen ohne bestimmten Grund.

Endlich ging die Justizräthin, um einen Blick in die Küche zu werfen, und Sigismund sprach ganz erschöpft:

„Liebe Agathe, spiele mir etwas auf dem Piano vor, das wird mir gut thun.“