„Ach Sigismund,“ sagte sie, „kannst Du mir denn wirklich nicht sagen, was Dir eigentlich geschehen ist? Schon vorgestern kamst Du mir vor, als habe man Dir etwas zu Leid gethan .... und heute noch mehr! und dazu Deine seltsame Bitte!“ ... —
„Agathe!“ unterbrach er sie, „sprich nicht wie Deine Mutter! Dir kann die Bitte unmöglich seltsam vorkommen, wenn Du mich lieb hast.“
„Ich meinte nur die heftige, fast angstvolle Art und Weise,“ entgegnete sie erröthend.
„Ich bin sehr heftig, Agathe, wenn ich’s einmal bin,“ sagte er. „Und daher thut es mir bitter leid, daß Deine Mutter keine Rücksicht auf meinen glühenden Wunsch genommen hat. Es giebt Wünsche von so unerhörter Gewalt, daß sie vielleicht Fingerzeige des Schicksals sind, und daß an ihrer Erfüllung Leben und Tod hängen mag.“
„Sigismund!“ sagte Agathe mit bebenden Lippen, „Du ängstigst mich todt.“
Er nahm ihre Hände und drückte sie vor seine heiße Stirn. „Das thut gut!“ sagte er; „was hast Du für prächtig kalte Hände! O ängstige Dich nicht, Agathe! mir wird besser. Der plötzlich zurückgedrängte Wunsch machte mir ein flüchtiges Fieber.“
„Aber wie ist er nur so plötzlich in Dir aufgewacht?“ fragte sie.
„Ich dachte daran, wie das glücklich wäre, wenn ich Dich morgen mit mir nach Berlin nehmen dürfte. Dann wäre Alles abgethan, sicher und fest. Nun bin ich in ewiger Spannung; ich möchte zu Dir, und kann nicht; nichts ist mir recht, weil ich weiß, daß es bald so ganz anders sein wird. Das einsame Leben ist mir zur Last, macht mich unruhig, und die Menschen ... geben mir auch nicht die Ruhe, nach der mich so tief verlangt. Es ist eine zernagende Sehnsucht in mir, die sich zuweilen ins Unglaubliche, und immer ins Unsägliche steigert; — und der Gedanke, daß sie mich noch ganze Tage, Wochen, Monate, zernagen soll, macht mich unglückselig. In mir, vor mir, um mich, muß Alles klar und bestimmt sein: dann bin ich in meinem Element! dann kann ich ertragen, thun, handeln, auch leiden — wenn’s sein muß! — nur aber die Schwankungen vernichten mich.“
„O Sigismund, wie ist das traurig, daß eine süße Erwartung Dir zur Qual wird. Aber ich sehe doch wirklich keinen Grund zu Schwankungen um uns herum! was Du für heute gewünscht hast, wird in zwei Monaten statt finden: das ist ja ganz fest bestimmt.“
„Du hast Recht! ich bin ein Thor, Agathe! ob heut, ob in zwei Monaten — darauf kommt im Grunde nichts an.“ Er richtete den Kopf auf, und hielt ihre Hände fest, während er das sagte.