„Ich werde Dich auszanken, Sigismund,“ rief Agathe ganz fröhlich, „daß Du Dich so nutzlos in einen Anfall von Spleen, und mich dadurch in tiefe Bekümmerniß versenkst. Bist Du denn oft in solcher Stimmung, sag’ mir? Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich dabei benehmen werde, wenn ich Deine Frau bin! muß ich dann schweigen, oder reden, oder fortgehen, oder Dich zerstreuen, oder was sonst? — sprich!“

Während sie plauderte, war sein Blick auf ihre Hände gefallen. Agathe, wie die meisten jungen Mädchen, hatte rothe Hände. Darüber gräme sich doch Keine! sie werden mit der Zeit schon weiß werden, aber freilich schön, so daß das Innere der Hand und die Fingerspitzen rosenfarben bleiben — schön werden nicht alle. Nun, rothe Hände machen unnützer Weise manchen jungen Mädchen Sorge, und auf manche Männer einen schlechten Eindruck. Sigismund würde sie dennoch nicht mißfällig bei Agathen bemerkt haben, wenn ihm nicht zum Unglück ein Wort von Ignaz an Tosca eingefallen wäre. Als sie einmal die Theemaschine aufheben wollte, und damit nicht zu Stande kam, rief er mit scheinbarer Ungeduld, indem er ihr Hülfe leistete: „Aber muthen Sie doch diesen Händen von weißem Musselin mit rosenfarbenem Tafft gefüttert, keine solche Anstrengung zu!“ Der Gedanke an diese Hände von weißem Musselin machte ihn ganz, aber ganz zerstreut.

„Sprich!“ wiederholte Agathe; „was muß ich thun?“

„Ein wenig das Piano spielen,“ sagte Sigismund der nicht auf ihre Worte geachtet hatte, und dem seine frühere Bitte einfiel.

„O das ist leicht! das thue ich gern!“ rief sie und ging zum Flügel. Sie spielte ungewöhnlich gut. Sie hatte noch immer einen Lehrmeister, der seine höchste Ehre darin setzte, daß sie mit Geschmack und Gewandtheit die krausen wirbelnden Compositionen der neusten Zeit zu spielen verstehe, welche mehr Auge und Finger, als den musikalischen Sinn ausbilden. Sie studirte und übte die Musik, auch gern, auch mit innerem Genuß; aber noch nie hat ein junges Mädchen, sobald nicht der Genius der Kunst sie beseelt, an ein Talent ihre ganze Seele verschwendet. Sie kann Anmuthiges leisten, sie kann zu schönen Hoffnungen berechtigen; allein ihre Productionen werden dämmerig und unvollständig sein, und nie einen befriedigenden Eindruck machen. Was kannst du werden? ist die Frage, die man in jeder Beziehung an ein junges Mädchen richten muß; und nie: Was bist du? Da liegt das Räthsel, und daneben — der Irrthum.

Agathe setzte sich an den Flügel und spielte mit bewundernswerther Fertigkeit höchst schwierige Variationen von Chopin, bei denen Sigismund alle Gedanken an Musik vergingen. Es war ihm ein wirres Getön, das ihn weder erfreute noch beruhigte. Keine Melodie umschmiegte ihn! keine Harmonie trug ihn! Er dachte an Tosca, wie ihr Ave Maria in stiller Nacht ihn erquickt hatte. Agathe erschien ihm oberflächlich. Er verfiel in namenlose Traurigkeit. „Es geht nicht!“ sprach er dumpf zu sich selbst. Trotz ihres Spiels hatte Agathe sein halblautes Wort gehört, und es auf eine schwierige Variation beziehend rief sie eifrig:

„Aber es soll gehen!“ und spielte sie noch einmal. Dann sprang sie fröhlich auf und sagte:

„Nun lobe mich, Sigismund! hab’ ich meine Sache nicht sehr gut gemacht?“

„Unbegreiflich gut!“ sprach er zerstreut.

Sein kühler Ton that ihr weh; weher noch die Vorstellung, daß sie nicht das Rechte getroffen, um ihn zu zerstreuen, und daß sie doch nichts Andres habe auffinden können. Sie setzte sich und nahm eine Arbeit zur Hand, schweigend, niedergeschlagen. Auch Sigismund schwieg. In solchem Moment ist das Schweigen höchst bedenklich. Ist man ganz vertraut mit einander — ich meine seelenvertraut — so ist es nicht lästig; ja, in Momenten tiefen Glückes kann es sehr süß sein. Aber in einem vertraulichen Verhältniß wie zwischen Sigismund und Agathen, wenn da das Schweigen aus Befangenheit, aus Mangel an Hingebung eintritt: so ist’s ein böses Zeichen. Jeder hat dann Zeit, sich in seine einsamen störenden Gedanken wie in Nebel einzuhüllen, welche ihn dem Andern unerkennbar und unerreichbar machen. Zuweilen fällt ein günstiger Sonnenstral auf die Nebel, und verjagt sie, wenn es grade noch Zeit ist. Aber das ist ein hohes Glück.