Sigismund fühlte wol, daß er Agathen irgend etwas sagen müsse. Sie nähte emsig; sie mogte in ihre Arbeit vertieft sein! aber er! er saß auf dem Sopha, den Kopf in die Hand gestützt, und that nichts! er hatte gar keinen Vorwand um schweigen zu dürfen. O Gott! dachte er heimlich, was das für ein unschätzbares Glück ist — nähen zu können, und was für Vortheile die Stellung der Frauen ihnen bringt! hinter solchem Stückchen Leinwand oder Tapisserie sind sie wohlverschanzt und kümmern sich um nichts, während wir uns abängstigen müssen! — Während er so dachte, bekämpfte Agathe mühsam ihre Thränen; aber freilich! so eine Handarbeit ist ein Ableiter für die innere Aufregung. Die mechanische Regelmäßigkeit, die mit ihr verbunden ist, übt eine beschwichtigende Gewalt über Manche. Ueber Andere übt das Gehen eine solche, und die ist vielleicht noch kräftiger, weil sie zugleich den Leib müde macht. Gewiß aber bleibt es, daß eine mechanische Bewegung Beschwichtigung auf die leidende Seele ausübt.
Endlich fiel Sigismund auf das unglücklichste Thema, welches er zum Gespräch mit Agathen hätte wählen können. Er sagte:
„Was war denn das, was Du mir gestern sagtest, Agathe? meine Schwester wäre Dir nicht freundlich gesinnt — oder dergleichen. Davon hab’ ich doch wirklich nichts bemerkt.“
„O nein!“ sagte Agathe unbefangen, „wenn Du da bist, so ist sie freundlich .... Deinetwegen.“
Diese Antwort verdroß ihn, weil er die Ueberzeugung hatte, daß sie ganz wahr sei. Auguste hatte ihm seit mehren Jahren verschiedene Partien vorgeschlagen, die sie glänzend und daher wünschenswerth nannte. Als seine Wahl überraschend auf Agathe fiel, hatte sie in prima furia schwesterlicher Theilnahme für Agathe passionirt, und ihr eine Menge von Vortrefflichkeiten angedichtet, welche Sigismunds Neigung motiviren sollten. Aber von solcher excentrischen Vorliebe kommt man ebenso schnell zurück, als man sie heftig gefaßt hat, und dann erscheint einem die Person doppelt insipid mit dem illusorischen Bilde verglichen, das wir uns von ihr ausgemalt haben. So ging es Augusten, und Sigismund kannte sie zu gut, um an Agathens Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Doch wenn er auch innerlich einstimmte — es schien ihm Pflicht, äußerlich die Schwester zu vertheidigen, und er sagte:
„Ich habe doch niemals Auguste so falsch gefunden.“
„Ach!“ rief Agathe, „sie ist nicht falsch! sie zeigt sich jedes Mal, wie ihr eben ums Herz ist.“
„Dann wäre sie doch sehr launenhaft!“
Agathe schwieg; sie mogte nicht Ja — und konnte nicht Nein sagen.
„Bist Du nicht etwa ein wenig mißtrauisch, liebe Agathe?“ fragte Sigismund.