„Die Schwankungen in mir müssen aufhören,“ dachte Sigismund in dieser Nacht. „Es ist ja ganz miserabel, die Sachen um acht Uhr anders zu sehen, als um sieben, und um neun wieder anders. Ich breche mein Wort, ich thue Agathen weh, ich zerstöre ihr und mir das ruhige Leben, welches ich so friedlich für uns zu begründen hoffte, ich stelle mich vor der Welt als ein wankelmüthiger, leichtsinniger Mensch dar — und das Alles .... um mich nicht in Zwiespalt mit meinem Gefühl zu bringen. Ist das Gefühl solcher Opfer werth? werde ich nie bedauern, nie bereuen, sie gebracht zu haben? Nicht heut, nicht morgen — aber in zehn oder zwanzig Jahren? Reue thut weh, und das Leben ist lang .... lang und einsam ohne Liebe, ohne die Liebe, die Hütten bauen läßt.“

Das sagte er sich Alles, ernst, überlegt, gelassen. Er führte sich Agathe vor, wie sie war, lieb und gut, jung und schmiegsam, bereit Alles zu sein, zu werden, was er wünschte; wie sie auf keine Weise die bittere Kränkung, den tiefen Schmerz verschuldet hatte, die sie bedrohten; wie er vielleicht ihre ganze Zukunft in Grund und Boden verderbe, indem er ihre Zuversicht auf die Treue, ihren Glauben an Liebe untergrabe. Aber immer und immer kam er auf den Schluß zurück: Es ist doch unmöglich, meine Hand Agathen zu geben, während mein Blick sie sucht und, wenn nicht außer mir, doch ewig in mir sie findet. Denn in mir — da hat sie gelebt, die langen, langen Jahre hindurch, und nur zuletzt .... geschlafen, eingewiegt von dem monotonen Geschwirr des Lebens, das mich umfing. Hätte sie nicht immer in mir gelebt, wie würde sie denn urplötzlich so göttlich lebendig geworden sein? Es giebt Menschen, in denen lebt nichts; deshalb können sie für Alles leben, was außerhalb ihnen liegt. Andre fühlen sich gedrungen für das zu leben, was in ihnen lebt; die nennt man thöricht, oder egoistisch, oder ... groß, je nachdem ihre Wesenheit sich an ihrer inwohnenden Idee ausbildet. Die Größe giebt Gott seinen Begnadigten; die erwirbt man nicht, man empfängt sie nur. Aber tüchtig kann man auf seine eigene Hand werden; auch wenn man seinen Ideen nachgeht, auch wenn es thöricht aussieht. Und egoistisch? wer sich elend fühlt, und ein fremdes Wesen an dies Bewußtsein schmiedet, macht es um so elender, je zarter es empfindet, und bei zwanzig Jahren wiegen ein Paar Tage voll Schmerz nicht so schwer, als bei vierzig ein Leben voll Bitterkeit, Mißstimmung und Jammer. Und egoistisch? ich erreiche nichts, ich gewinne nichts! sie denkt nicht an mich. Aber ich, o Gott, bin frei, an sie denken zu dürfen.

Er versuchte sogleich an Agathe zu schreiben. Doch Herz und Hand zitterten ihm. Es ist ein fürchterlicher Entschluß für einen besonnenen Menschen, einem Unschuldigen weh zu thun. Auch schien es ihm gar so übereilt. Er verbrannte den Brief. Drei Tage nach seiner Rückkehr nach Berlin wollte er lieber schreiben. Es kam ihm kein Zweifel ein, daß auch dann sein Brief in demselben Sinne lauten würde, denn sein Herz war wie erfroren gegen Agathe. Er hatte sie im Schmerz gesehen: das ist ein scharfer Probirstein für die Seelen. Die Freude nicht! ihrer Natur nach verklärt sie, so wie der Schmerz seiner Natur nach verdüstert. Wie stralend muß die Seele beschaffen sein, welche mit ihrem Licht die Verdüsterung des Schmerzes besiegt. Als er im Ausbruch des tiefsten und wahrsten Gefühls sie um Vergebung bat, da fragte Agathe: „Was hast Du gethan?“ — und vergab nicht, und blieb verdrießlich. Das ist das Uebelste, was eine Frau thun kann. Die Verdrießlichkeit ist etwas so ganz Unerträgliches, daß ihr gegenüber der Mann sich selbst ganz gerechtfertigt vorkommt, auch wenn er weiß Gott was für Unthaten begangen hätte.

Tags darauf ging Sigismund Forster von der Eisenbahn kommend die Linden herauf. Er ging unter den Bäumen. Er sah sich nicht um, als auf dem Reitweg rasches Pferdegetrappel erscholl, aber als Tosca Beiron, ihr Pferd an die Barriere lenkend, ihm zurief:

„Guten Morgen! aber schönen guten Morgen!“

Da mußte er freilich aufsehen. Er that’s; er nahm den Hut ab. Es war ihm eine selige Befriedigung so, mit diesem Zeichen der Ergebenheit, und zu ihr emporschauend, vor ihr stehen zu dürfen. Sein erstes Gefühl ihr gegenüber war, wie einst, das der unermeßlichsten Bewunderung; nur aber war es nicht, wie einst, in das kleine Wort zu fassen: sie ist schön! sondern — in gar keines.

„Wie geht’s denn?“ fragte sie.

Er antwortete nicht. Er sah sie an — wer kann sagen, mit welchem Blick!

Blitzschnell berührte sie den Hals ihres Pferdes mit der Reitgerte und sprengte fort; Ignaz ihr nach.

Ignaz sagte zum General, als er mit Tosca bei ihm eintrat: