»Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie das Neue Testament nicht gelesen haben?« fragte ich.

»O nein. Gewiß habe ich es gelesen. Ich behaupte sogar, daß das Evangelium des Lukas und des Matthäus ziemlich interessant sind; was aber Johannes anlangt, so lohnt es sich nicht, von ihm zu reden.«

Darauf erwiderte ich bekümmert: »Sie werden stets der liebenswürdigste aller Heiden bleiben.« Damit trennten wir uns auf Nimmerwiedersehen.

Armer Turgenjew! Ich baue darauf, daß ihm während seines achtmonatigen Todeskampfes, unter schrecklichen Leiden, vieles von dem bis dahin Unzugänglichen klar wurde. Gott braucht keine Zeit, um die Seele des Menschen aufzuklären oder umzuwandeln. –

Aber kehren wir zu unserm Haupthelden zurück. Tolstoi kam 1876 nach Petersburg, um hier Material für die »Dekabristen« zu sammeln; er wollte einen Roman aus jener Epoche schreiben. »Ich will beweisen,« sagte er, »daß an der Dekabristenverschwörung niemand schuld war – weder die Verschwörer noch die Regierung.«

Zum Lokalstudium begab er sich in die Peter-Paulfestung. Der Kommandeur (ich weiß seinen Namen nicht mehr) empfing ihn sehr liebenswürdig, zeigte ihm, was zu zeigen war, konnte aber nicht dahinter kommen, was Tolstoi eigentlich wollte. Dieser erzählte uns später die Unterhaltung in sehr komischer Weise.

Bekanntlich schrieb Tolstoi nur einige Kapitel dieses Romans; auf meine Frage, weshalb er nicht fortführe, erwiderte er: »Weil ich gefunden habe, daß fast alle Dekabristen Franzosen waren.«

Wirklich lag die Erziehung der Kinder höherer Stände damals durchweg in westeuropäischen Händen; diese historische Tatsache aber, die man nicht umgehen kann, steht meiner Meinung nach dem Autor eines Romans aus einer so interessanten Epoche nicht im Wege. Ich war einfach untröstlich. Tolstoi beabsichtigte ferner die Geschichte des Kaisers Paul zu schreiben, an dessen rätselhafter Persönlichkeit er besonderes Interesse nahm. Auch dieser Plan blieb unausgeführt. Noch bedauerlicher ist, daß Tolstoi die Absicht nicht verwirklichte, die ihm, seinen Briefen nach, noch mehr am Herzen lag. In dem ersten Brief, 1878, schrieb er mir hierüber: »Mir schwebt schon längst der Plan zu einem Werk vor, dessen Schauplatz die Orenburger Gegend und dessen Zeit die Perowskis sein soll. Ich habe aus Moskau einen ganzen Haufen Material mitgebracht. Alles, was Perowski betrifft, interessiert mich außerordentlich, und ich muß sagen, daß seine historische Persönlichkeit wie sein Charakter mir sehr sympathisch sind. Was würdet ihr und seine Verwandten sagen? Und überlaßt ihr mir Papiere und Briefe, wenn ich euch die Zusicherung gebe, daß niemand außer mir sie lesen wird, daß ich sie zurücksende, ohne eine Abschrift genommen zu haben, und daß ich nichts daraus abdrucke? Ich möchte ihm etwas tiefer in die Seele blicken.«

Über denselben Gegenstand schrieb Tolstoi meinem Bruder Ilja. Wir beide antworteten sofort und schickten das notwendige Material. Darauf schrieb er mir im nächsten Brief: »Perowskis Persönlichkeit hast du im großen und ganzen richtig beurteilt; ebenso stelle ich ihn mir vor. Solche Figur füllt allein ein ganzes Gemälde. Seine Biographie wäre allzu herb; mit anderen, ihm entgegengesetzten feineren Charakteren aber, wie zum Beispiel Shukowski, den du gut zu kennen scheinst, und besonders mit den Dekabristen – drückt diese Kolossalgestalt (eine Variante der noch größeren Figur Nikolaus’ I.) jene Zeit vollständig aus. Ich bin jetzt ganz in die Lektüre der zwanziger Jahre vertieft und kann dir den Genuß nicht beschreiben, den ich empfinde, wenn ich mir jene Zeit ausmale.« –

Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre fand zwischen Leo und mir ein lebhafter Briefwechsel statt. Bei Beginn meiner Tätigkeit als Erzieherin der Großfürstin Maria Alexandrowna, 1864, wurde die Korrespondenz aus Zeitmangel meinerseits etwas weniger lebhaft, dauerte aber trotzdem noch lange fort.