Bei Erwähnung der verschiedenen Stimmungsphasen Tolstois habe ich eine Absonderlichkeit vergessen, die man jetzt kaum glauben wird: es gab eine Zeit – und sie dauerte ziemlich lange –, wo Tolstoi streng kirchengläubig war. Was ihn auf diesen Weg trieb, weiß ich nicht; es spielte sich weit von uns entfernt ab, und ich erfuhr erst viel später, daß Tolstoi mit einfachen Leuten zusammen wallfahrtete, Klöster besuchte, in der Oytiner Einöde weilte, wo er sich lange mit Klausnern und Eremiten unterhielt und dann vollkommen von der Heiligkeit und Wahrheit unserer Kirche überzeugt zurückkehrte. Wir ahnten nichts von alledem und hätten vielleicht nie etwas davon erfahren, wenn nicht folgender kleine Zwischenfall eingetreten wäre: Auf einer seiner Petersburger Reisen, 1877, erschien Tolstoi bei meiner Mutter, wo sich die ganze Familie versammelt hatte. Es war während der Fastenzeit, die wir bis dahin streng innegehalten hatten. In diesem Jahr aber beschlossen wir unserer alten Mutter wegen, der der Arzt das Fasten streng verboten hatte, nicht zu fasten. Beim Mittagessen bemerkte ich, daß Tolstoi ein finsteres Gesicht machte und offenbar verstimmt war. Nach Tisch kam er sofort zu mir und fragte, warum wir nicht fasteten. Ich erklärte ihm den Grund und fragte: »Ist es dir vielleicht unangenehm?«
»Gewiß« – war seine Antwort – »wenn man schon einer Kirche angehört, ist das Geringste, was man tun kann, daß man ihre Gebote hält.«
Im nächsten Jahre, 1878, erschien er wieder unerwartet in Petersburg, wie ich glaube, nur in der Absicht, mir seine geistige Umwandlung mitzuteilen und zu erklären. Wir hatten uns lange nicht gesehen, aber ich ahnte nicht, daß etwas Ungewöhnliches mit ihm vorgegangen sei. In seinen Briefen hatte er nichts verraten; höchstens bisweilen undeutliche Anspielungen gemacht.
Kaum hatten wir uns begrüßt, als er auch schon ziemlich wirr und nebelhaft alles erklärte, was in seiner Seele vorgegangen war. Ich hörte ihn schweigend an. Hielt er mein Schweigen für Zustimmung, oder wünschte er begeisterte Sympathie – jedenfalls unterbrach er plötzlich seine Beichte und meinte: »Ich sehe, du hast dich mit meinen Gedanken schon ziemlich vertraut gemacht.«
Leider mußte ich ihn dieses Mal enttäuschen.
»Du irrst dich,« sagte ich. »Ich bin mit deinen Gedanken so wenig vertraut, daß ich sie gar nicht verstehe.«
Da sprang er wie gestochen auf: »Du verstehst sie nicht. Aber es ist doch alles so einfach und läßt sich in zwei Worten erklären: In meiner Seele hat sich ein Fenster aufgetan, durch das ich Gott sehe. Weiter habe ich nichts, rein gar nichts nötig« – er wiederholte das Wort nochmals.
»Was heißt nichts?« fragte ich verständnislos. »Natürlich ist die Hauptsache der Glaube an Gott. Bevor ich dir aber zustimme, muß ich wissen, wie du an Gott glaubst.«
Mein Herz schlug wie ein Hammer, als wenn es ahnte, was alsbald kommen würde. Als Leo mir dann aber nicht nur die Nutzlosigkeit, sondern sogar Schädlichkeit der Kirche auseinandersetzte und schließlich so weit ging, die Gottheit Christi und die Erlösung durch ihn zu verwerfen – war ich dicht vor Schluchzen und Tränen, beherrschte mich aber, um in dem Streit, den ich voraussah, keine Waffe zu verlieren. Wirklich entstand dann ein Disput, der den ganzen Morgen dauerte. Leo war schrecklich erregt über meinen Widerstand gegen das, was er für den Inbegriff aller Wahrheit hielt, und am nächsten Morgen erhielt ich von ihm folgendes Billett: »Sei mir nicht böse, daß ich ohne Abschied wegfahre; ich bin durch den gestrigen Disput allzusehr erregt ...«
Seine plötzliche Abreise bekümmerte mich sehr. In der voraufgegangenen schlaflosen Nacht hatte ich unwiderlegliche Argumente gefunden, die ihn, meiner Meinung nach, überzeugen mußten – und nun alles umsonst!