Lieber Leser! Freu dich über meine Naivität, aber freu dich auch über meine Hartnäckigkeit, mit der ich später die Polemik gegen Tolstoi in der festen Überzeugung fortsetzte, daß seine Ansichten sich ändern und er auf den Weg des Glaubens gelangen würde. Es kam mir damals vor, als hätte ich es mit einem Kranken zu tun, dem man gute Nahrung reichen müsse. In meiner Verblendung hielt ich mich wahrscheinlich für einen unterrichteten Arzt. Jedenfalls erregten meine Briefe ihn nur noch mehr. Ich begreife nicht, wie ich nicht sehen konnte, daß er sich hinter jedem seiner Gedanken verschanzte, wie hinter einer Festung. Es war das eine mir ganz unverständliche, selbstgefällige Verblendung. Ich darf aber wohl sagen, daß all meine Fehler aus zu großem Eifer entsprangen. Wißt ihr, was es heißt, eine nahverwandte Seele lieben? Nicht den Menschen, sondern seine Seele? Diese Liebe ist unvergleichlich stärker als jede andere. Leo Tolstois Seele war mir unbeschreiblich teuer. Sie ist es auch jetzt noch; aber die Jahre und Enttäuschungen haben das ihrige getan: jene Glut und die Qualen, die meine damaligen Bemühungen um ihn begleiteten, sind vorüber. Nebenbei will ich erwähnen, daß von unserem Briefwechsel aus jener Zeit wenig übriggeblieben ist; einige Briefe habe ich vernichtet – sie regten mich zu sehr auf; andre gab ich Dostojewski. Und das kam so:
Ich wünschte längst, mit ihm bekannt zu werden; endlich geschah es, aber leider zu spät.
Es war zwei oder drei Wochen vor seinem Tode, da wurde ich mit Dostojewski bekannt. Seitdem ich sein Werk »Schuld und Sühne« gelesen (kein Roman hat ähnlich auf mich gewirkt), stand der Autor als Moralist für mich in unerreichbarer Höhe, unvergleichlich höher als andere Schriftsteller, Tolstoi nicht ausgenommen, natürlich nicht in stilistischer und künstlerischer Hinsicht.
Ich traf Dostojewski zum erstenmal auf einem Abend beim Grafen Komarowski, Tolstoi hatte er niemals gesehen, obgleich dieser, als Schriftsteller wie als Mensch, ihn schrecklich interessierte. Seine erste Frage betraf Tolstoi:
»Können Sie mir seine neue Richtung erklären? Ich erblicke darin etwas Besonderes und mir einstweilen Unverständliches ...«
Ich gestand Dostojewski, daß auch mir diese neue Richtung Tolstois rätselhaft sei, und versprach ihm die letzten Briefe Tolstois, in der Meinung, er würde sie holen. Er bestimmte noch den Tag, und bis dahin schrieb ich die Briefe ab, um ihm das Lesen der schwer zu entziffernden Handschrift Tolstois zu erleichtern. Dostojewski erschien; zunächst entschuldigte ich mich, daß weiter niemand eingeladen sei – aus Egoismus; ich wollte den Abend Auge in Auge mit ihm verbringen. Dieser Abend prägte sich meinem Gedächtnis für immer ein. Ich hörte ihn mit Andacht: er sprach, wie ein echter Christ, über das Schicksal Rußlands und der ganzen Welt. Seine Augen brannten, und ich spürte den Propheten in ihm. Als die Rede auf Tolstoi kam, bat er mich, ihm die versprochenen Briefe vorzulesen. Es klingt sonderbar, aber ich schämte mich fast, dem großen Denker die oft wirren Gedanken mitzuteilen.
Ich sehe Dostojewski noch jetzt vor mir, wie er sich an den Kopf griff und verzweifelt rief: »Nicht das! Nur nicht das!« Er sympathisierte mit keinem der Tolstoischen Gedanken, raffte aber trotzdem alles, was auf dem Tisch lag, Originale und Kopien der Briefe, zusammen und nahm sie mit. Aus einigen seiner Bemerkungen schloß ich, daß er Tolstois Ausführungen bekämpfen wollte.
Ich bedauerte nicht so sehr den Verlust der Briefe, aber ich bin untröstlich, daß Dostojewskis Absicht unausgeführt blieb; fünf Tage nach dieser Unterhaltung war er nicht mehr.
Leo Tolstoi hatte in einer Zeitschrift veröffentlicht, daß er Dostojewski zwar nicht gekannt hätte, daß ihm bei der Nachricht seines Todes aber gewesen wäre, als ob er das Teuerste auf der Welt verloren hätte. Das plötzliche Ende D.s warf auch mich nieder. Ich begab mich in seine Wohnung, um an den sterblichen Überresten meine Andacht zu verrichten. Er lag in einem winzigen Kämmerchen. Sein kleiner Sohn und die Tochter standen am Sarge. Die ganze Einrichtung war sehr ärmlich; Besucher aber waren eine Menge da, und alle schienen von Kummer niedergedrückt. Besonders zahlreich war die Jugend vertreten. Ich schickte mich schon an, zu gehen, als eine sehr bescheiden gekleidete Dame auf mich zutrat und mich fragte, ob ich die Gräfin Tolstoi wäre? Auf meine Bejahung sagte sie: »Ich hatte die Absicht, zu Ihnen zu kommen, da ich glaubte, daß es Ihnen angenehm sein würde, zu hören, welch guten Eindruck Fedor Michailowitsch von dem bei Ihnen verbrachten Abend mitgenommen hat; es war seine letzte Freude.«
Diese Dame war Dostojewskis Gattin.