Ich habe mich später oft gefragt, ob es Dostojewski gelungen wäre, Tolstoi zu beeinflussen. Ich glaube kaum. Einer meiner Bekannten, Dimitrijew, ein sehr kluger, leicht ausfallender Herr, sagte eines Tages, als die Rede auf Tolstoi kam: »Tolstois Unglück ist, daß er nur seine eigenen Gedanken hört und schätzt; Sie werden sehen, daß er stets auf falschem Wege bleibt.«

Das war bis zu einem gewissen Grade richtig. Andererseits ließ Tolstoi sich oft durch Leute beeinflussen, die moralisch unendlich weit unter ihm standen, sich aber so oder so in seinem Geleise bewegten. Von vielen Beispielen nenne ich nur eins: 1885 erschien in Moskau ein gewisser Sjutajew, ein grober Kleinbürger, der aus der russischen Kirche ausgetreten war und eine Lehre verkündete, nach der er sich für einen Propheten hielt. Ich weiß nicht, wie er an Tolstoi herankam; dieser entdeckte in Sjutajew eine gewisse Ähnlichkeit mit seinen eigenen Ansichten und geriet über ihn in Entzücken; er schleppte ihn durch die Salons der vornehmen Welt und hob ihn, als Beispiel wahrer Frömmigkeit, bis in den Himmel. Tolstois Gattin mit ihrem gesunden Verstande erkannte sehr bald diesen Begeisterungsrausch und ertrug nur mit Überwindung die Gesellschaft Sjutajews und seiner Genossen, die immer häufiger im Hause erschienen. Man brauchte nur zerlumpt oder Dissident zu sein, um Tolstois Interesse zu erregen, während Epaulette, Achselschnüre, Generalsrang und überhaupt jeder hohe Posten ihm Abscheu einflößten. Diese plötzliche Vorliebe für ungebildete beschränkte Leute dauerte nicht lange, und die ganze Gesellschaft war nur eine vorübergehende Erscheinung. Zur Zeit ihrer Macht aber beherrschte sie Tolstoi vollständig. Ungefähr zur selben Zeit erschien in einer Moskauer Zeitung Tolstois Artikel über die Volkszählung mit dem Aufruf an die Jugend, der fast ohne Ausnahme Begeisterung erregte. Überhaupt stieg Tolstois Ruhm höher und höher; überall redete man von ihm und Sjutajew. Manche Gerüchte drangen auch zu mir, so daß ich mich endlich entschloß, zu sehen, was in Tolstois Hause in Moskau vor sich ging.

Trotz der Freude über das Wiedersehen war Tolstoi augenscheinlich nicht bei Stimmung; erriet er, daß der Zweck meiner Reise kein anderer war, als mich von seinem Seelenzustande zu überzeugen? Jedenfalls bemerkte ich von Anfang an eine gewisse Erregung an ihm.

Er selbst brachte die Rede auf die »Volkszählung« und sagte: »Weißt du, daß nach dem Erscheinen meines Artikels ein wahrer Sturm von Dankadressen und Briefen, sogar von Schülern, an mich gelangt ist?« (Später gestand er mir, beim Schreiben des Artikels gedacht zu haben, ihm würde von allen Seiten Geld für die Armen zugehen, daß aber gerade das nicht geschehen wäre, sondern im Gegenteil viele ihn um Geld gebeten hätten.)

»Ich weiß,« antwortete ich ziemlich kalt.

»Und von dir nicht eine Zeile. Warum das?«

»Aus einem sehr einfachen Grunde. Ich muß gestehen, daß deine ›Volkszählung‹ mir nicht besonders gefällt. Ich fürchte, deine Worte an die Jugend rufen ein Strohfeuer hervor, das schnell verpufft. Du sagst: ›Gebt kein Geld; gebt euch selbst, völlig.‹ Ist das nicht zu viel verlangt? Es ist das Äußerste, was die Liebe geben kann, und die erwirbt man nicht im Handumdrehen. Sodann gefällt mir deine Verdrehung des Evangeliums nicht; Zachäus hast du überhaupt nicht verstanden. Er überwand alle Hindernisse, um Christus zu sehen, und als er ihn gesehen hatte, wurde sein Herz von höchster Gnade erfüllt; er war zu jedem Opfer bereit, um die Vergangenheit zu büßen. Du aber hast fast einen Wucherer aus ihm gemacht.«

Wenn meine Bemerkungen ihm unangenehm waren, so vergalt er mir das an diesem Morgen reichlich. Ohne jede Veranlassung überschüttete er mich mit einem Hagel seiner unmöglichen Ansichten von Religion und Kirche und machte sich über alles lustig, was mir lieb und teuer war. Mir kam es vor, als hörte ich Fieberphantasien. Ich kann und will nicht alles wiedergeben, was er damals sagte. Meine Wangen brannten; ich hielt es aber nicht für nötig, ihm etwas zu erwidern. Wahrscheinlich erregte mein Schweigen ihn noch mehr. Als er endlich müde war und mich fragend ansah, als erwartete er meine Antwort, sagte ich ihm:

»Ich habe dir nichts zu erwidern; ich will dir nur sagen, daß ich dich, während du sprachst, in der Macht eines sah, der noch jetzt hinter deinem Stuhle steht.«

Er wandte sich schnell um. »Wessen?«