»Luzifers in eigener Person,« erwiderte ich. »Der personifizierte Hochmut spricht aus dir.«

Er sprang auf. Das Wort hatte gewirkt. Aber er suchte sich zu bezwingen und fügte alsbald hinzu: »Gewiß bin ich stolz als Einziger, der endlich die Hand an die Wahrheit gelegt hat.«

Das nannte er Wahrheit!

Abends begab ich mich zu ihm und fand den kürzlich noch rasenden Leo als sanftes Lamm. Außer der zahlreichen Familie waren noch Fremde zugegen, und die Unterhaltung war allgemein. Leo lenkte sie aber so, daß mich nichts irgendwie verletzen konnte, und er sorgte den ganzen Abend für mich mit der rührenden Güte, die einen hervorstechenden Zug seines Charakters bildet. Unter anderem bat er seine Frau, mir den Traum zu erzählen, den sie kurz vor seiner geistigen Umwandlung gehabt. Dieser Traum war folgender:

Tolstois Gattin stand vor einer Erlöserkirche, deren Bau noch nicht vollendet war. Vor der Tür erhob sich ein riesiges Kreuz, an ihm hing der lebendige Christus. Plötzlich begann dieses Kreuz sich zu bewegen, wanderte dreimal um die Kirche und blieb vor ihr, der Frau, stehen. Der Heiland sah sie an, reckte die Hand nach oben und deutete auf das goldene Kreuz, das hoch oben auf der Kirchenkuppel glänzte.

Dieser Traum fiel wie ein Hoffnungsstrahl in meine Seele; »wenn Tolstoi wirklich einst die Wahrheit erkennt,« dachte ich, »wird er mit derselben Aufrichtigkeit seinen Irrtum eingestehen.«

Am nächsten Tage traf ich ihn vor dem Hause unseres gemeinsamen Verwandten. Bis ich gemeldet wurde, entspann sich zwischen uns wieder eine Unterhaltung. Ich saß im Wagen, er stand in ganz unmöglicher, halb bäurischer, halb städtischer Kleidung am Schlage.

»Du bist mir doch nicht böse, daß ich gestern alle meine Kugeln auf dich abgefeuert habe?« fragte er.

»Das waren schon keine Kugeln mehr, sondern Bomben,« erwiderte ich halb im Scherz. »Dafür hast du mich gestern abend gerührt, als du wie mit Pinsel und Salbentopf um mich herum warst, um alle kranken Stellen zu heilen.«

»Deswegen bist du auch mein liebes Mütterchen, weil du alles richtig verstehst. Nur müssen wir uns noch darüber klar werden, ob du die Christin bist oder ich.«