»Ich gebe mich nicht für eine gute Christin aus,« sagte ich. »Wohl aber habe ich meine christlichen Überzeugungen. Die Ordnung der Dinge, wie sie einmal sind, ist nicht von mir geschaffen, ich glaube aber, daß in deinem System nichts Ähnliches zu finden ist.«
In diesem Augenblick wurden wir nach oben gebeten.
Einige Tage später traf ich Tolstois Gattin, die mit ihrer achtzehnjährigen Tochter zu einer Abendgesellschaft fuhr. Beide waren sehr einfach gekleidet, trugen hohe Hüte und begaben sich zu Verwandten. Ich glaube, es lag kein Grund vor, sich darüber aufzuregen; Tolstoi aber bezwang sich kaum in meiner Anwesenheit. Als die beiden fort waren, fragte ich ihn:
»Was hast du denn dagegen einzuwenden, daß deine Tochter ein wenig in die Welt kommt? Hast du vergessen, daß wir beide diese Welt sehr gern gehabt und uns weidlich in ihr amüsiert haben?«
»Durchaus nicht; aber du siehst, daß ich damit aufgehört habe. Ich möchte meine Tochter gern vor dem Garstigen und Schädlichen bewahren, das das Leben in der großen Welt mit sich bringt.«
Tolstoi mischte sich mit seinen extremen Ansichten in alle Einzelheiten des Familienlebens ein und richtete oft viele Verwirrung, auch Ärger und Streit an. Ich glaube, die arme Sophie wird noch oft an ihren Traum und das große Kreuz denken, das ihr so viele Träume in Aussicht stellte.
Abends saßen wir im Wohnzimmer; außer uns beiden waren der sechzehnjährige Sohn Elias und der Schwager der Gräfin, Islawin, zugegen, der in Tolstoi drang, etwas aus seinen ungedruckten Werken vorzulesen. Tolstoi weigerte sich lange, holte aber endlich ein Heft und las aus einem seiner philosophischen Werke vor, und zwar mit augenscheinlicher Verlegenheit; er wurde bald rot, bald blaß, stockte häufig und hörte bald auf, da er merkte, wie die Lektüre auf mich wirkte.
»Du siehst, daß ich in deiner Gegenwart nicht vorlesen kann,« sagte er am nächsten Tage. »Alles das ist nichts für dich; du mußt schreckliche Eindrücke davon haben!«
»Was mich am meisten erregt, ist, daß du deinen Sohn so vergiften kannst,« erwiderte ich.
»Um Gottes willen, nein! Ich versichere dich, daß meine Kinder nicht im geringsten auf das achten, was ich schreibe.«