Bald nach meiner Abreise aus Moskau wandte ich mich um einen Rat an den französischen Schriftsteller Vogué. Dieses Mitglied der Akademie hat eine Russin geheiratet und kennt unsere Literatur besser als viele Russen. Noch unter dem Eindruck des jüngst in Moskau Gesehenen und Gehörten und in Erinnerung an Vogués Anhänglichkeit an Tolstoi machte ich ihm einige Mitteilungen über Leo und den Sektierer Sjutajew. Vogué antwortete mir: »Ich danke Ihnen für die Mitteilungen. Ich wußte es und bin heftig darüber erschrocken, daß der große, unvergleichliche Tolstoi jetzt durch eine Art mystischen Wahns wie gelähmt ist. Mir bleibt der zweifelhafte Trost, das längst vorausgesehen zu haben; seine ganze Gedankenentwicklung lag als Keim bereits in dem Werk ›Kindheit und Knabenalter‹, und die Psychologie Lewins in ›Anna Karenina‹ gibt seiner weiteren Entwicklung klar die Richtung an.« –

Trotz der von nun ab herrschenden Meinungsverschiedenheit setzten Leo und ich die Korrespondenz fort, wenn das auch ziemlich selten geschah.

Im Frühjahr 1887 erkrankte er heftig am Bein, das er, glaube ich, am Pflug verletzt hatte. Im Glauben, er würde sterben, schrieb er mir einen lieben Brief, von dem viele eine Abschrift nahmen und der mich tief rührte, besonders da sein Leben damals wirklich in Gefahr war. Der Brief lautete:

»Es war gut und schön von dir, mir zu schreiben, liebe Freundin.

Du fragst, wie es mir geht? So sonderbar es auch klingen mag – es geht mir sehr gut. Was das Bein anlangt, so wird da allerhand geredet von Knochenfraß, Knochenhautentzündung usw. Die Hauptsache aber ist, ich weiß sehr gut, daß ich an dem Bein ›eingehe‹, wie die Bauern sagen, das heißt dem Tode etwas näher bin als gewöhnlich.

Und dieser Zustand, in dem man sich, wie du so schön sagst: in Gottes Hand befindet, ist sehr gut; ich möchte stets in ihm leben und ihn jetzt nicht verlassen.

Tatsächlich sind schwere, langdauernde körperliche Leiden und dann der leibliche Tod eine so notwendige Lebensbedingung, daß jemand, der die Kindheit hinter sich hat, sie keine Minute vergessen sollte, besonders da der Gedanke daran, die beständige Erwartung, das Leben nicht vergiftet, sondern ihm Festigkeit und Klarheit verleiht.

Wenn ich mein Leben als mein Eigentum betrachte, mit dem ich machen kann, was ich will, bringt mich keine List und Schlauheit dahin, angesichts des Todes ruhig zu leben. Nur dann kann man dem leiblichen Tode vollkommen gleichmütig ins Auge sehen, wenn das Leben uns als die Verpflichtung erscheint, den Willen des Vaters zu erfüllen. Dann besteht das Lebensinteresse nicht darin, ob ich gut oder schlecht bin, sondern ob ich das, was mir aufgetragen ist, gut ausführe. Das kann ich bis zum letzten Atemzuge und kann auch bis zum letzten Atemzuge ruhig und fröhlich sein. Ich will nicht sagen, daß ich so bin, ich möchte es aber sein und wünsche dir dasselbe. Hoffentlich hast du gegen meine Ausdrucksweise nichts einzuwenden. Damit du nicht glaubst, daß ich unter ›Erfüllung des Willens‹ etwas Besonderes verstehe, will ich dir sagen, daß der Wille des Vaters der eine allbekannte ist, Liebe zu allen Menschen und Einheit mit allen, von den nächsten bis zu den entferntesten.

Nicht wahr, damit bist du einverstanden? Ich danke dir von ganzem Herzen für deine guten Wünsche.« – –

Gott sei Dank ging die Gefahr vorüber, und im Sommer desselben Jahres begab ich mich auf dringende Bitten Leos und seiner Frau mit Kusminskis[(2)] nach Jaßnaja Poljana und brachte dort vierzehn Tage zu.