Zu meiner Begrüßung war die ganze Familie versammelt, mit Ausnahme des Hausherrn, der von der Feldarbeit noch nicht heimgekehrt war. Endlich erschien er in weißer sehr sauberer Leinenbluse, mit einem Riemen um den Leib, und langem, halb grauem Bart. Wir umarmten uns freundschaftlich, und mich überraschte die ganz besondere Milde in seinen Augen.
Während meines ganzen Aufenthaltes in Jaßnaja Poljana blieb er so milde, obgleich wir natürlich eifrig disputierten. Gleich am ersten Abend erklärte ich ihm im Scherz folgendes:
»Weißt du, lieber Freund, es ist angebracht, daß wir im voraus die beiderseitigen Rechte in der Unterhaltung abgrenzen. Du bist ein berühmter Schriftsteller, der seine Gedanken nicht nur aussprechen, sondern auch drucken lassen kann: ich dagegen bin eine gewöhnliche Sterbliche und möchte in eurem Hause frei alles aussprechen.«
»Gewiß hast du ein Recht darauf,« war seine Antwort; »ich liebe es, wenn jemand seine eigenen Überzeugungen hat.«
Das Haus in Jaßnaja Poljana, das durchaus nicht elegant und nicht einmal komfortabel ist, gefiel mir sehr; vielleicht weil in allen Ecken liebe Leute hausten. Man hatte mir prophezeit, ich würde in Jaßnaja große Unordnung finden. Das war nicht der Fall: im Gegenteil, alles ging sauber und ordentlich zu; nur wurde die Zeit zum Tee und Mittagessen nicht pedantisch innegehalten. Alle standen ziemlich spät auf; und ich, die Stadt- und Hofdame, war allein um acht Uhr auf den Beinen. Ich konnte spazieren gehen, lesen, meine Briefe schreiben und mit meinem Patenkinde Sascha spielen, bevor meine Wirtsleute sich erhoben. Sie erschienen nicht vor elf Uhr, und wir tranken zu dreien im kleinen Wohnzimmer Kaffee. Im Eckzimmer war der Teetisch für die Jugend seit sieben Uhr gedeckt; sie standen aber fast alle ebenso spät auf wie die Eltern und erschienen einer nach dem andern.
Ich liebte diese Morgenstunden sehr. Leo war, durch den Schlaf gestärkt, in ausgezeichneter Stimmung. Wir unterhielten uns vollkommen ruhig; er las mir oft seine Lieblingsverse von Tjutschew und einige von Chomjakow vor, die er besonders schätzte, und wenn in einem Gedicht der Name Christus vorkam, zitterte seine Stimme, und seine Augen glänzten feucht. Diese Erinnerung tröstet mich noch heute; er liebte, ohne es selbst einzugestehen, den Erlöser auf das tiefste und fühlte in ihm natürlich mehr als den gewöhnlichen Menschen; der Widerspruch zwischen seinen Worten und seinen Gefühlen ist schwer zu verstehen. Wenn Leo dann zur Arbeit in sein Zimmer ging, überließ er mir alle Zeitschriften, Bücher und Briefe, die tags zuvor angelangt waren. Man kann sich nicht vorstellen, welche Haufen die Post jeden Tag brachte – nicht nur aus Rußland, sondern aus allen Ländern Europas und sogar aus Amerika – und alles duftete nach Weihrauch.
»Welch schreckliche Nahrung für deinen Stolz, lieber Freund,« sagte ich; »ich fürchte, daß du eines Tages wie Nebukadnezar wirst!«
»Warum soll ich stolz werden?« antwortete er. »Wenn ich in die große Welt gehe« (so nannte er die Bauernhütten), »existiert mein Ruhm für diese Leute nicht. Also existiert er überhaupt nicht.«
Von allen Seiten wurde Tolstoi mit den verschiedenartigsten Bitten bestürmt: die einen baten um Geld, andere um Rat oder um seine Mitarbeit an einer Zeitschrift; noch andere um unsinnige Dinge, über die er gutmütig lachte. Dabei überraschte mich oft sein unkritisches Verhalten. Man brauchte nur seine Lieblingsnote anzuschlagen, so geriet er in Entzücken. Ich veranlaßte ihn oft, genau durchzulesen, was er so sehr lobte, und er gab dann lächelnd zu, daß es Unsinn sei. In anderen Fällen freilich blieb er hartnäckig.
Dostojewski hat, lange bevor die Rückkehr zur Einfachheit und zur Natur Mode wurde, sie in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« gegeißelt und gesagt, man müsse die russischen Bauern sehr schlecht kennen, um zu glauben, daß sie auf solche Maskeraden hereinfielen; dazu hätten sie zu viel Grütze im Kopf.