Ein Brief W. H. Tschertkows,[(3)] den Tolstoi mir gab, erregte starke Unzufriedenheit in mir. Dieser Brief begann: »Heute morgen setzte ich einem Bauern auseinander, daß die ersten Worte des Evangeliums Johannis keinen Sinn hätten ...« Mir genügte das schon. Nachmittags erfuhr ich dann noch, daß derselbe Tschertkow aus einer Gedichtsammlung einige Verse Chomjakows gestrichen, in denen von der Erlösung die Rede war, »Tschertkow liebt die Erlösung nicht,« sagte man mir.
Das war mir denn doch zu viel! Wie eine Rakete fuhr ich auf, die Stimme versagte mir, und ich zitterte am ganzen Leibe. »Ah,« rief ich endlich in bitterster Ironie; »Tschertkow liebt die Erlösung nicht!« (Hierbei fiel mir sein Brief ein.) »Er findet auch, daß die ersten Worte Johannis keinen Sinn haben. Das rührt daher, daß es hier bei ihm fehlt.« (Ich deutete auf die Stirn.) »Aber ihr andern, die ihr Christi Lehre verkündet, was ist denn mit euch? Meiner Meinung nach seid ihr schlimmer als alle Sektierer, weil die an die Erlösung glauben, die die Hoffnung aller Christen bildet!«
Ich war so erregt, daß ich mich vergaß und wahrscheinlich zu viel sprach. Alles schwieg. Endlich meinte Tolstoi sehr ruhig: »Du wirst doch begreifen, daß, wenn Gott auch allmächtig ist, es doch für ihn unmöglich bleibt, etwas zu sagen, was keinen Sinn hat. Die Worte Johannis haben aber tatsächlich keinen Sinn.«[(4)]
Natürlich konnte mich diese Erwiderung nicht beruhigen, und es dauerte lange, bis meine Erregung sich ein wenig legte.
Nach Tolstois Morgenabgang blieb ich gewöhnlich mit Sofja Andrejewna, seiner Frau, allein, die mir mit angeborener Offenheit viel Interessantes aus ihrem vergangenen und gegenwärtigen Leben erzählte. Die ersten Jahre nach Tolstois geistigem Umschwung waren schrecklich, und es war die ganze Energie der Gräfin nötig, um alle exzentrischen Schritte Tolstois zu ertragen. Zum Glück überwand ihre gegenseitige Liebe alles, und man kam wieder ins richtige Geleise, wenngleich der frühere Bund in manchen Stücken gestört war.
Während meines Aufenthaltes in Jaßnaja Poljana litt Tolstoi sehr an Gallensteinanfällen, die zwei Tage dauerten und auf die große Schwäche folgte. Er tat mir sehr leid; ich hatte aber den Vorteil, daß er nicht zur Feldarbeit ging. Zu meiner Freude sah ich keine seiner sonderbaren Beschäftigungen, wie Schustern, Ofensetzen usw., die mir als Spiel erschienen. Wiederhergestellt, war er sehr fröhlich, scherzte, setzte sich ans Klavier und sogar an den Kartentisch, wenn gerade eine Partie beisammen war; er spielte sehr schlecht Karten, aber mit großem Eifer.
Besuch war um diese Zeit wenig da, weder Verwandte, noch Fremde. Es kamen nämlich auch gänzlich Unbekannte mit ihren Anliegen. Die Tür stand jedermann offen; Arme, Bauern und Bettler kamen direkt unter das Fenster seines Arbeitszimmers. Vom Balkon aus sah ich oft, wie er mit ihnen sprach und ihnen Almosen gab. Trotzdem Tolstoi es für unmoralisch hielt, den Leuten mit Geld zu helfen, wurde im Hause nicht wenig gegeben, außer dem kleinen Gelde und Groschen, die für solche Fälle auf Tolstois Fenster lagen.
Alle Tolstoischen Kinder hingen an ihren Eltern, besonders am Vater; sie teilten aber seine Ansichten durchaus nicht. Sie wollten noch leben, während man ihnen beständig Entsagung predigte. Hätte Tolstoi nicht zum Teil auf seine Absichten verzichtet, so wäre Jaßnaja Poljana längst verkauft, die Werke umsonst dem Publikum überlassen und die ganze zahlreiche Familie – es waren fünfzehn Kinder, von denen acht am Leben blieben – wäre zum Vagabundenleben und zur einfachen Tagelöhnerarbeit verurteilt.
In den ersten Jahren seines Familienlebens sorgte Tolstoi sehr für die Bildung der Kinder: mit seiner neuen Richtung aber hörte das auf.
»Geh auf die Straße: feg Schnee; heiz den Ofen« usw., hörten die Kinder täglich von ihm. Zum Glück ließ die praktische und vernünftige Mutter aus den unmöglichen Erziehungsplänen Tolstois nichts werden, und alle Kinder waren von Pädagogen verschiedener Länder umgeben.