Aus all diesen Dingen aber entsprang ein Moment der Unbeständigkeit und Unsicherheit; niemand wußte, worauf er fußen, was er glauben oder nicht glauben sollte. Der Eckstein schwankte. Ich vertraue, daß mit der Zeit Gottes Hand auch das noch zum Guten lenken wird, weil alle Kinder gut und offen veranlagt sind.
Ich sagte, glaube ich, schon, daß Tolstois Gattin trotz ihrer häuslichen Sorgen unermüdlich das abschrieb, was ihr Mann zum Druck vorbereitete. Seiner Änderungen und Verbesserungen war kein Ende. Da ich ganz frei war, bot ich eines Tages meine Dienste zum Abschreiben an; aber Sophie lehnte mit der Versicherung ab, ich würde das Gekritzel ihres Mannes nicht entziffern können. Einige Tage später bat Leo, der eine eilige Arbeit nach Moskau zu schicken hatte, mich und andere, ihm dabei zu helfen. Wir wurden paarweise an einzelne Tische gesetzt – jede Dame mit einem Herrn. Solcher Paare waren sechs. Tolstoi diktierte, und wir schrieben. Plötzlich kamen solch schwerfällige Phrasen, daß ich unwillkürlich an den »unergründlichen Sumpf« dachte, von dem Turgenjew gesprochen. Ich konnte mich nicht entschließen, das Diktierte in dieser Form dem Druck zu übergeben. Als Tolstoi, der von einem Tisch zum andern ging, wieder zu uns kam, sagte ich:
»Weißt du, daß ich soeben zur großen Unzufriedenheit deines Schwagers deine Prosa verbessert habe?«
»Daran hast du gut getan. Es kommt mir nur auf den Gedanken an; auf den Stil lege ich nicht das geringste Gewicht,« war Tolstois Antwort.
Am nächsten Tage erbot er sich, etwas aus dem von uns abgeschriebenen Werk vorzulesen. Es war eine philosophische Arbeit unter dem Titel »Das Leben«. Da er sich an mich wandte, erwiderte ich: »Ich werde mich sehr freuen, eine Probe deiner Weisheit zu hören, werde aber kaum etwas begreifen, da die Philosophie mir so fremd ist wie Sanskrit.«
»Wenn du es nicht begreifst, ist das natürlich nicht deine, sondern meine Schuld; ich hoffe aber, das wird nicht der Fall sein,« erwiderte Leo.
Um sieben Uhr versammelten wir uns alle um ihn; er war besonders heiter und liebenswürdig. Die Lektüre dauerte etwa zwei Stunden. Ich begriff weit mehr, als ich erwartet hatte. Es kamen schöne Stellen vor, aber mein Herz zitterte und brannte nicht. Ich kam mir vor bald wie in einem anatomischen Museum, bald wie auf den halbdunklen Wegen eines Labyrinths, in dem ich mich verirrte. Natürlich vertraute ich niemandem diese Gedanken an, und wenn man bei irgendeiner Frage verweilte, geschah das nur, um anderen Hörern Gelegenheit zur Aussprache zu geben. Ich bemerkte wohl, daß die übrigen viele Erwiderungen auf der Zunge hatten; man wagte aber nicht, den Lehrer zu unterbrechen. Übrigens war Tolstoi sehr loyal gegen andere Ansichten, und der Abend endete schön.
Bald darauf kam der Tag meiner Abreise. Tolstois geleiteten mich mit derselben Liebe, wie sie mich empfangen hatten.