Nach Hause zurückgekehrt, machte ich mich mit den neuen Werken Tolstois bekannt, die, von der Zensur nicht zugelassen, im Manuskript von Hand zu Hand gingen. Ich will keine Kritik an diesen Arbeiten üben; in vielen fanden sich prächtige Stellen; aber im allgemeinen wirkten sie, besonders sein »Evangelium«, drückend auf mich. Die entschiedene Ablehnung und die willkürlichen Entstellungen der Heiligen Schrift erregten unbeschreibliche Unzufriedenheit in mir. Es kam vor, daß ich die Lektüre unterbrach und die Hefte auf den Boden warf – mir war, als strotzten sie von Blasphemien ...

Indessen verging die Zeit, und Leo wurde immer populärer. Jetzt unterlag schon nicht nur Rußland und Europa seinem Einfluß, sondern auch Amerika. Überall wurde begeistert über ihn geschrieben und gesprochen. Proteste wurden eigentlich nur von seinen Landsleuten und besonders von Geistlichen laut; es war aber bei uns üblich, sie einfach zu ignorieren. Wie durften diese kleinen einfältigen Köpfe wagen, sich mit dem genialen Leo Tolstoi zu messen!.. Gewiß waren unter den kritischen Artikeln sehr schwache, sogar beschimpfende; andere aber drückten wirksam ihr gekränktes religiöses Gefühl aus, und es kam vor, daß nicht nur Geistliche, sondern auch gebildete Laien sich entschieden vor Tolstois Theorien verwahrten. Ich muß sagen, daß der Erfolg der Opponenten Tolstois schwach war und daß die Menge noch mehr der schädlichen Quelle zustrebte. Ich habe oft über dieses psychologische Rätsel nachgedacht: liegt in dem Leugnen anerkannter Wahrheiten wirklich solch lockende Macht? Ist nicht vielmehr der eigentliche Lenker alles dessen der Vater jeder Lüge?

Einer meiner besten Freunde, Georg Wlastow, dessen Meinung ich außerordentlich schätze, billigte meine Niedergeschlagenheit wegen Tolstoi nicht. »Sie beunruhigen sich umsonst,« sagte er, »ich habe Tolstoi nie gesehen und kann seine Lehre natürlich nicht annehmen; er erinnert mich aber an die alttestamentlichen Propheten, die ebenso wie er selbst nicht wußten, was sie sprachen, deren Worte aber in nicht ferner Zukunft Bestätigung fanden. Sie müssen zugeben, daß auch bei Tolstoi kein Mangel an schönen Gottesfunken ist. Schon dafür gebührt Tolstoi Dank, daß er manche Fragen aufgeworfen hat, mit denen sich vordem in unserer Literatur niemand beschäftigte. Dahin gehört sein Rat, betreffend Reinheit im Eheleben, Würdigung der Kunst und anderes; wieviel treffende Bemerkungen finden Sie fast in jedem Artikel! Denken Sie daran, welch herrliche Predigt er jungen Leuten in der ›Kreuzersonate‹ hält und mit wie starken Worten er das zügellose Leben unserer Jugend geißelt, wegen dessen niemand ihnen Vorwürfe macht, weil es als zur Ordnung der Dinge gehörig betrachtet wird!«

Ich muß indessen gestehen, daß kein Zureden und keine Ermahnungen mich ganz beruhigen konnten, sondern daß Furcht, unablässige Furcht, wie eine fixe Idee mir keine Ruhe ließ. Der Gedanke, Leo könnte die heranwachsende Jugend verderben, nahm mir Herz und Vernunft gefangen, und alsbald nach meiner Rückkehr aus Jaßnaja Poljana beschloß ich, nochmals ruhig und überlegt an ihn zu schreiben.

Obgleich ich meine Briefe an Tolstoi niemals in diesen Erinnerungen veröffentlichen wollte, mag dieser eine wegen der Antwort Tolstois hier folgen:

»... Ich lese die mir gegebene Biographie Parkers mit Interesse und Kummer, demselben Kummer, den ich nach einigen unserer Gespräche empfand; ich sage ›einigen‹, weil jedesmal, wenn deine Worte vom Herzen kommen, mein Herz darauf antwortet und ich mich völlig eins mit dir fühle.

... Deine anatomische (du wirst sagen: philosophische) Zergliederung der Religion erweckt ein unbeschreiblich drückendes Gefühl in mir, als wenn mein Leben völlig vernichtet würde. Du liebst Christus, willst ihm nachfolgen (davon bin ich mit Freuden überzeugt), und dennoch verstehen wir uns nicht, weil du dich darauf versteifst, in ihm nur den größten Moralprediger zu erblicken – seine göttliche Natur dagegen nicht anerkennst. Das ist von meiner Seite keine Anklage, sondern ein Ausdruck tiefsten Kummers. Die Übereinstimmung auf dieser Grundlage wäre für mich unschätzbar, aber die Stimme, die mich zur Wahrheit ruft, ist zu verschieden von der deinigen.

Jesus sagt zu mir: ›Glaube, so wirst du erlöst.‹ Du aber sagst: ›Die Vernunft ist dir zum Urteilen gegeben; benutze sie.‹ Das Evangelium verkündet: ›Betet, tut Gutes, klopfet an, so wird euch aufgetan.‹ Du dagegen: ›Gebet ist Zeitverlust; tut Gutes, verteilt eure Habe, verzichtet auf alles um eurer Nächsten willen.‹

Ich bin aber nicht imstande, Gutes zu tun, meine Habe hinzugeben und sogar zu lieben, wenn ich nicht vorher durch das geheimnisvolle, aber sehr wirksame Band mit dem Erlöser verbunden bin, das fester ist als alle Gedanken- und Vernunftvereinigung, oder einfacher, das nichts mit dieser gemein hat, da es eine von uns unabhängige Kraft und Offenbarung bedeutet.

Das Geständnis des Paulus: ›Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will‹ – muß in der Seele jedes vernünftigen Wesens widerklingen. Ja, ich will das Gute; meine sündige Natur aber widersetzt sich diesem Wunsch in jedem Augenblick meines Lebens. Wer anders kann mir helfen als die Gnade des Heiligen Geistes, den Christus uns anzurufen befiehlt und den er allen zu senden verspricht, die ihn heiß und inständig bitten.