„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“
Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf.
„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“ sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen. Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg. Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein wird man die Schuld desselben werfen.“
„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch den Krieg zu vermeiden?“
„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre, wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte, dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft, an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals Wirklichkeiten werden mögen.“
Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach.
„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“
Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.
Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.
„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“