»Herzeliebez Frouwelîn – – – –«
Diese Blätter, diese Blätter! Ein halbes Dutzend gespitzter, gezückter Kohinore, die ich mir selbst schenkte (ich habe früher immer nur einen traurigen Bleistift besessen, und mein Ideal war, einmal welche in Hülle und Fülle zu haben), – sechs Kohinore schreibe ich täglich ein paarmal stumpf, bloß um meine wichtigsten »Einfälle« loszuwerden als Notizen. Diese Einfälle, sie fallen wahrhaftig in mich ein, über mich her, lassen mich nicht, jagen mich, bis ich sie – habe. Ich »denke und dichte« in einer halben Stunde mehr, als ich in drei Tagen niederschreiben kann.
Ja, wenn man nur schreiben müßte! Aber man muß ja auch denken! Ja, wenn man nur denken müßte! Aber man muß ja auch schreiben!
Seine Gedanken mit Jagdhundgeschwindigkeit apportieren und sie mit Jägertüchtigkeit erlegen und sie alle, alle zur Strecke bringen, gerade das ist hier die Frage.
Es ist schauderhaft. Wenn ich morgens, oft vor sechs Uhr schon, erwache (ich Langschläferin schlief sonst immer bis gegen elf Uhr vormittags so tief und fest, wie andere Leute angeblich vor Mitternacht) –, wenn »es« mich also schon mit dem frühesten Morgen weckt und mir den Schlaf aus den Augen scheucht, ist mein erster Griff nach dem Heft, das auf dem Tische neben meinem Bett liegt, und einem der immer gezückten Stifte. Und ich schreibe, schreibe im Bett, – eine Figur für die Meggendorfer. Fast täglich wird solch ein Heft vollgeschrieben, dann heißt's, ein neues nähen. Eine böse Sache, denn nähen war mir immer beschwerlich. Aber fertige Hefte kaufen? Das »tragt's nicht« bei einer – Sängerin, die ihre Stimme bisher nicht zum richtigen Klingen brachte.
Ich nähe also die Hefte selbst. Noch während ich nähe, schreibe ich schon in die halbgehefteten Bogen, – schreibe, während die Nadel am Faden baumelt!
Wäre ich eine – Schriftstellerin, man könnte von einer »produktiven Epoche« sprechen!
Dann würde ich aber sagen: so lange ihr nicht eine Schreibmaschine erfindet, die direkt mit den Gehirnganglien (so heißen doch die Tiere?) in Verbindung gebracht werden kann, während das Schreibpapier sich baldachinartig über dem »denkenden Haupte« wölbt, so daß, sowie »es« dadrinnen denkt, die Maschine das Gedachte auch schon aufs Papier tippt, – so lange ist die ganze Schreiberei eine Art Tortur.
Aber – eine wollüstige Pönitenz!