Wenn ich manchmal mit Gott Zwiesprach hielt und ihm meine Wünsche vortrug (was vorzukommen pflegt!), so bat ich früher immer hübsch detailliert. Ich wünschte mir das und das und das. Gott, – ich will een Ding haben, – wat forn Ding, min Herzenskind, – Ding, Ding, Ding. Wilscht vielleicht een Püppche ha'n, nee, Gott, – nee – – –

Dann kam eine Zeit, da wußte ich nichts zu bitten. Da wußte ich nur zu blicken. Und der Blick bat Gott, seinerseits einen Blick in mich zu tun und mich zu durchblicken. Ich hatte auch Angst schließlich vor dem Wünschen. Wünsche pflegen in Erfüllung zu gehen! Das eben ist ja die Wirkung des Gebets: das Gebet ist der Wille, der sich sammelt und zusammenrafft. Drum Vorsicht mit dem Wünschen. Denk an die Frau, die sich mit ihren begierlichen Wünschen die Wurst an die Nase wünschte, du Wunschmaid, Maja Hertz!

Ach, was hat man zu tun, sich so eine Wurst wieder von der Nase zu wünschen! Die Normalnase wird dann für eine Zeit zum wahren Idol.

Schließlich bekam ich heraus, was zu wünschen sei: frohe Gefühle. Oder sagen wir, gute Gefühle. Meine Gebetformel lautete dann: lieber Gott, gib mir gute Gefühle und womöglich Grund dazu. Läßt sich aber der Grund gar zu schwer aufbringen, dann laß ihn meinetwegen fort! (Ich ließ mit mir handeln in diesem Punkt.) Nur die Gefühle sollen da sein! Besser die frohen Gefühle ohne besondern Grund als haufenweise Grund, glücklich zu sein, und stumpfe Bewußtlosigkeit für sein Glück. Gefühle sind alles! Gottes Segen sind gute Gefühle. Hätte ich jemanden zu segnen, ich würde ihm sagen, Gott gebe dir alles Gute und das Bewußtsein hierfür. Fluch: Gott gebe dir alles Böse und das Bewußtsein hierfür. Das Bewußtsein macht erst Glück und Unglück. Und aus dem Gefühle kommt es! Aus dem Herzen speist sich der Gedanke, aus dem Herzen die Stimmung, Stimme. »Seele ist Stimmung«, klang es um Sokrates an seinem Sterbetag. Aus dem Herzen kommt sie, und im Blute reist sie von da zum Gehirn, bevor sie als Überschuß an Lebenskraft schmetternd der Kehle entströmt.

Gute Gefühle.


Ich bin ein froher Vogel von Natur. Du weißt, Johannes, wie ich bade im Glück, wie die Vögel im Äther. Und wie ich dankbar und andächtig das Lied hinausschmettere aus der übervollen Seele. Aber selbst der gelassene Sokrates räumt ein, daß kein Vogel singen kann, wenn ihn hungert oder friert, oder ihm sonst etwas fehlt. Nicht die jubilierende Lerche, die doch sicher eine frohe Seele hat, nicht die Nachtigall, noch der Wiedehopf, von dem die Menschen lügen, er sänge aus Leid, während er, auch in Todesnähe, singt aus erhabenen, seligen Gefühlen, weil er, »wie alle, die dem Apollo angehören, wahrsagerisch« (!) Gutes ahnt.

Dunkle Fäuste aber hielten mich manchmal in meinem Leben umklammert. Und das war schlimm für einen Vogel wie mich.

Mich ihnen zu entwinden, verbrauchte ich alle meine Kraft, mühsam diese zerschmetterte, zerrissene Kraft sammelnd zu dem Werke der Rettung. Ein Überschuß blieb da nicht! Verbraucht wurde, was da war, zum bloßen Weiterfristen, zum Herausheben, Herauslösen aus dieser dunkeln, dräuenden Enge.