Verödung, Vereisung.
Nicht, daß man noch liebt, daß man nicht mehr liebt ist das Vereisende. Und wo ist der, den man liebte, wo, wo? Wo ist er denn hin? Hat ihn die Erde verschlungen? Denn der da, den man nicht liebt, eher haßt, verabscheut, ist denn das der, den man liebte? Wo ist er hin?
Und wo ist das, was ihm hingab all die warme Lebensfreude? Fort. Aus den Adern genommen und nichts kam dafür wieder. Leer, verblutet, verödet.
Alle Kraft, Lebenskraft aber kommt aus dieser flutenden Lebenswärme, die von Mensch zu Mensch strömt. Wird sie zu Unrecht vergeben und nichts kommt dafür wieder, dann nimmt sie die Kraft mit sich.
Ibsen hat die wandelnde Liebesleiche auf die Bretter gebracht, in »Wenn wir Toten erwachen«.
Vermessen wird an Schicksale gerührt. Und nicht aus Tücke, Schlechtigkeit werden Schicksale zerstört: aus Kraftlosigkeit geschieht es meistens. Sich kraftlos entgleiten lassen, was man eben noch begehrte, ist das typische Verbrechen der Heutigen. Und was da entgleitet, versickert, in Schutt und Sand zerrinnt, ist die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Lebensblut eines andern.
In dieser Verödung, Verzweiflung war alles versiegt. Alle Kraft der Stimme. Alle Kraft kommt ja aus Lebenswärme. Ein Frierender ist kraftlos. Und ich mußte an den erfrorenen Vogel denken, von dem die Désiré im »Grafen von Charolais« erzählt: – »Das war etwas, das lebte, noch hätte leben können, unendlich Jubel in seiner Kehle barg und doch in Not und bitterem Frost verging.«
Wie Heimat fühle ich es nun um mich, Johannes. So ganz, als ginge ich meinen Weg, meinen wahrhaftigen, mir bestimmten Weg, ist mir's zumute. Meine bangen Fragen? Gelöst werden sie mir an die Lippen gedrückt. Gute, frische Höhenluft – und dabei Erde, Erde unter den Füßen, meine geliebte, braune, ernteschwangere Erde!