Da ich erwachte, suchte ich Sinn und Rhythmus dieses Liedes wieder, das ich im Traum gehört.


Hast du zersprengt, was sich vollenden wollte,
War dies dein Sinn?
Daß ab vom Wege, jäh zerschmettert, rollte,
Was dich dir barg, zur Tiefe hin?
Zerschmettert den Becher, den übervollen,
Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!
Trinken und warten und trinken
Und warten, von gestern zu heut,
Wie jenes zugrunde will sinken,
Wie dieses sich ewig erneut.
Ein »Morgen« hatte dir kommen wollen,
Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!
Nun blieb von dem deinen, was immer geblieben,
Was aus den versenkten Särgen,
In jugendlich ewigem Grün getrieben,
Was die strandzerschmetterten Wellen bergen,
Wenn sie, eins mit dem Einen, neu wieder rollen,
Ach, du hättest nicht sollen, – ach, du hättest nicht sollen!

Was hinter mir liegt an Leid, Leiden und Leidenschaffendem, es genügte, um tausend andere tausend Tode sterben zu lassen. Aber, mir will scheinen, daß, wenn ein Einziger tausendfach leidet, er tausend andere – erlöse. Denn dieses tausendfache Leiden muß irgendwie aus ihm bluten. Und dieses Blut ist der wahre Balsam für die Leiden der tausend andern. Und wenn einer hohe Lust seliger erlebt, denn die andern, er beseligt sie mit dieser seiner Lust. Vertausendfachte Freude und vertausendfachtes Leiden einzelner – Erlösung, Messiastum.

Und wer sind diese Erlöser? Wie heißen sie, diese Opfer, die alle Tode sterben und alle Himmel bewahren, in ihrer einzigen Menschenbrust? Wie heißen sie, diese lebendigen Flammen? Nennt man sie nicht – Sänger, Dichter, diese Messiasherzen?

Wenn einer litt, wie der, der der größte aller Dichter war, der zu Golgatha am Kreuze verstarb, mußte es nicht balsamisch über die Welt tropfen, sein Blut?

Zuckende, strömende, tönende Herzen, – Dichterherzen, flammende Erlöserherzen!

Flaubert sagt: »Was für ein Künstler wäre man, wenn man nie etwas anderes als Schönes gesehen, Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte!« (An anderer Stelle sagt er freilich wieder: »Begreift man, wieviel betrachteter Niedrigkeit es bedarf, damit sich die Größe der Seele bilde, alle die widerwärtigen Miasmen, die man verschlucken, den Gram, den man erleiden, die Qualen, die man ertragen mußte, bevor man eine gute Seite zu schreiben imstande war.« – Beides ist wahr.)