Lieben heißt, sich ein Geschöpf ganz zu eigen machen. Es ganz und gar begreifen, das, was man also begriffen hat, begreifen wollen und sich freudig erfüllt (»gefüllt«) fühlen von dem Begriffenen. Jeder gleicht wahrlich dem Geist, den er begreift. Nun herrscht aber diese Gefühlsimpotenz unter den Heutigen. Diese »Schwäche«. Diese Bröckligkeit der Gefühle. Wie kann man da »begreifen«? Begreifen heißt ja eingreifen in ein anderes und es dann halten, umfassen. Um einzugreifen, muß aber erst eingedrungen worden sein in das, was begriffen werden soll. Eindringen aber kann nicht der – seelisch Geschwächte. Ganz und gar eindringen. Gibt es Halbjungfrauen, so gibt es auch Halbentjungferer. Die letzten Hemmnisse zwischen ich und du bringen sie nicht zum Fallen. Nicht vollständig werden sie mit ihrer Aufgabe fertig. Nicht gänzlich vermögen sie, sich des Weibes zu bemächtigen. Das Liebesverhältnis wird nicht komplett »konsumiert«. Die Präliminarien der Liebe und die ersten Präludien bewältigen sie, aber was dann kommt, der schönste, aber auch der schwerste Teil, er bleibt ungenossen, unbewältigt, unkonsumiert.

Physiologisch – da reicht es bis zur Orgie. Nicht solche Schwäche ist natürlich hier gemeint. Nein, nein, diese viel ärgere, diese Gefühlsimpotenz, die den Eintritt in die tiefsten Erlebnisse der Liebe den an ihr Leidenden für ewig verwehrt. Nur starke Menschen sind fähig, Liebesgefühle für ein anderes Geschöpf emporwachsen zu lassen, »aus der Tiefe zur Höhe«, sie durchzuhalten, sie zu behaupten.

Schwächlinge »versuchen« am liebsten immer wieder, fangen am liebsten immer wieder neu an. Don Juan ist der banalste aller Bösewichter. So sehr man ihn auch »dämonisch« machen will. Mir scheint er banal, dieser Liebhaber in die flache Breite. In die Tiefe lieben, das ist die Frage, die Kraftfrage.

Wissend trinken, das ist die Liebe. Synthese! Schwächlinge sind aber nicht synthetisch. Entweder sie trinken, dann vergessen sie das »Wissen«. Oder sie wissen, und dann verfurchen sie die Stirn und kommen vor lauter Gegrübel nicht zum Trunk.


»Wirken, füllen, fesseln.« Ich kann nicht »wirken«, und »fesseln« liegt mir so wenig, vorsätzlich zumindest, wie manchem Mann »erobern«. Nicht dieses aufs immer frische »Füllen« berechnete Wirken, nicht »Behandeln« ist meine Sache. Nur sein kann ich.

Von dir, Johannes, habe ich das liebe Wort gehört, daß du mich lieb hast, weil ich bin. Nie habe ich ausgeschaut, ob ich auf dich wohl »wirke«.


Heroische Menschen sind selten in diesem Zeitalter. Das sind die Menschen der starken Lebensgefühle. Gäbe es starke Freundschaft, so gäbe es auch mehr starke, unverbrennbare Liebe. Aber die Gefühlskraft gehört der Antike an. Anarchronistisch, wie ein Koloß der Antike, ragt heute ein Mensch solcher Art in diese Zeit. Vereinsamt steht er gewöhnlich.

Auch die heroischen Gruppen gehören der Antike an. Solche, die verbunden waren durch überpersönliche Gefühle, – Gefühle, die der Idee »Mensch« gehörten. Jene Gruppen meine ich, deren Historie die Renaissance ausgrub und unter deren Studium sie Humanismus wurde.