Sonderbar war nur, daß man meinen Mann so wenig mit mir sah. Auch mich wunderte das schließlich. Aber andererseits, – mußte er nicht in seinem Gehen und Bleiben wirklich unabhängig sein und so handeln, wie es die »Stimmung« mit sich brachte? Ohne »Stimmung« konnte er ja nicht arbeiten.

Wenn er nun sagte, daß ihm seine gewohnten Fußtouren bei Nacht durch die menschenleeren Straßen der Hauptstadt oder die noch einsameren Alleen des Praters unentbehrlich waren, hatte ich ein Recht, ihn daran zu hindern?

Und ich sagte nichts, auch wenn er um 4 Uhr früh nach Hause kam. Bis Mitternacht, – während ich im Theater war, – hatte er zu Hause gearbeitet, sagte er mir. War so vertieft gewesen, daß er sich verspätete. Dann lief er schnell zum Theater, um mich abzuholen, ich aber war natürlich schon fortgefahren, – nun und dann war er eben ein paar Stunden herumgebummelt.

Ich bat ihn, sich überhaupt nicht an das Abholen zu binden. Und gewöhnte mich, allein nach Hause zu fahren.

Er war auch manchmal im Theater. Er hatte dann galante Ideen. Ließ mir z. B. ein Bukett aus den Soffitten werfen. Dann kam er im Zwischenakt, steckte mir eine Nelke daraus ins Haar und sagte: »Du bist entzückend, Carmencita.«


Öfters besuchte er auch eine Kollegin von mir, die eigentliche Sopranheldin (ich war ein Alt und gab die edleren Seelen), die Schöne Helena des Theaters. Ja, in ihrer Garderobe war er eigentlich öfters zu finden, als in der meinen. Sie war eine pikante kleine Französin, verheiratet mit einem österreichischen Aristokraten. Wir sprachen manchmal zusammen, auch so – nun, wie junge Frauen eben zu sprechen pflegen. Neugierige Fragen – mehr oder minder verblümte Antworten. Daß sie keine Kinder hatte, erklärte sie mir auf sonderbare Art. Ein gesetzlich verbotener Vorgang sei die einzige Möglichkeit, keine zu bekommen. »On ne peut pas éviter, vous savez!«

Und sie gestand mir, daß sie sich auf dieses Verfahren bei einer geeigneten Person – abonniert hatte! Dadurch käme es billiger. Die ersten Male sei sie fürchterlich ausgebeutet worden. Aber nun komme sie besser heraus.

Sie hatte sich abonniert darauf!

Ein Motiv für Frank Wedekind, wenn er noch lebte!