Das Schlimmste waren fortwährende Geldkalamitäten, trotz unserer sehr anständigen Einkünfte. Ich bemerkte mit einem Gefühl, das beinahe an Grauen grenzte, daß er dem Geld gegenüber von einer Art Zwangsidee beherrscht wurde. Was immer er hatte und erraffen konnte, er mußte es ausgeben. Von einer Einteilung des Budgets war keine Rede. Rechnungen, die ich längst bezahlt glaubte, wurden zwei-, dreimal präsentiert. Unordnung in Geldsachen war mir immer ein Greuel. In diesem Punkt war meine Mutter von fast philiströser Korrektheit und ihr Entsetzen vor Schulden, Überschreitungen des Budgets und ähnlichen Ungehörigkeiten war auf mich übergegangen.
Und nun traten diese schmutzigen Geschichten unaufhörlich an mich heran. Was machte er mit dem Gelde? Wieso war er immer ohne Mittel? Hatte besonders nie etwas für mich, für unsere gemeinsamen Ausgaben?
Er, – er brauchte es eben! Ja, er wüßte eigentlich nicht, wo es ihm hinkäme! Es zerschmölze ihm unter den Händen, er wüßte nicht wie.
Später erfuhr ich, wohin es zerschmolz. Die süßen Mädeln, aber die richtigen, die ganz »süaßen«, halfen ihm, unser Geld durchzubringen.
Ein sonderbares Ereignis fiel wie ein Blitz in das unheimliche Dunkel der Situation. Ein Blitz, der mir mit einem Schlage erhellte, was mir an dem Menschen dunkel war. Der einschlug, erhellte und zerschmetterte, was an guten Gefühlen, die besonders nach der Hochzeit fast zärtlich geworden waren, – wie begreiflich, – für ihn in mir dagewesen war.
Ein Band Gedichte kam heraus: »Aus dem Nachlaß eines Toten«. Der Dichter hatte durch Selbstmord geendet. Unglückliche Liebe und materielle Not waren das Motiv der Tat gewesen. Der Band wurde jetzt von einem Freund veröffentlicht. Mich interessierte es, von dem Manne zu hören, weil mir Rudi den Namen öfters genannt hatte. Er war mit ihm eine Zeitlang in der Redaktion einer Wiener Wochenschrift gewesen, die dann einging. Damals hatte sich der Poet erschossen. Der Band Gedichte war nun plötzlich in allen Auslagen zu sehen.
Ich interessierte mich immer für Lyrik. Rudis Liebesgedichte hatten einen starken Eindruck auf mich gemacht. Ich bedauerte es sehr, daß er außer dieser Fülle von Liebesliedern nie wieder ein Gedicht gemacht hatte.
Eines Tages trat ich in eine Buchhandlung und kaufte mir das Buch des Verstorbenen. Noch in der Tramway begann ich darin zu lesen. Ich las und las. –
Rudis Liebesgedichte, mit denen er mich »erobert« hatte, – ich fand sie hier, im Nachlaß eines Toten.