Als ich zu Hause eintrat, saß Rudi bei Tisch und wartete auf mich mit dem Mittagessen. Er sah das Buch in meiner Hand und wurde weiß wie das Tuch auf dem Tisch.
Ich legte es neben meinen Teller. Wir aßen und sprachen kein Wort. Als er sich nach Tisch erhob, sah ich einen schamlosen Zug in seinem Gesicht. Da warf ich ihm das Buch vor die Füße: »Leichenräuber!«
»Exaltierte Person!«
Nun hatte ich den »Schlüssel« zu dem, was jener Mensch war. Wie eine Fabel, wie ein Märchen, wie ein Symbol erscheint mir nun diese Begebenheit. Wie ein Symbol, das bei der Definition seines Wesens den Kern trifft: er war ein Lügner.
Es geschah – nichts. Ich war unfähig, irgendeinen Entschluß zu fassen. Was hätte ich auch tun sollen? Was hätte ich wollen sollen? Berechtigte mich diese Erkenntnis seines Wesens, die Ehe zu lösen? Sollte ich sie lösen? Mir war, als müßte ich abwarten, bis irgend etwas geschähe, ich wußte selbst nicht was, was mich sozusagen der Initiative überhob und von selbst wirkte und entschied. In diesem Punkt bin ich Fatalistin. Aber mein Fatalismus ist eigentlich ein Rationalismus: ich glaube an die Logik jeder Situation als das in ihr wirkende Prinzip.
Die Ehe blieb also weiter bestehen, nur formell natürlich. In Wahrheit bestand keine Intimität mehr.
Es kamen nun Monate eines widerwärtigen Kampfes. Es hieß, sich gegen etwas wie eine Verführung wehren. Es gibt nichts, was geeigneter wäre, Blut und Seele einer Frau mehr zu verderben, als eine solche Situation. Um das Gefühl des Zornes, der Enttäuschung, des Ekels niederzuschlagen, kommt ein schlimmes Gelüste über sie. Das Gelüste, sich einem Abenteuer in die Arme zu stürzen, nur, um mit einem Gefühl, das sie ausreißen will, fertig zu werden.
Wäre es an mich herangetreten, wer weiß, was geschehen wäre. Aber an eine in »glühender Liebesehe« jung verheiratete Frau wagte sich niemand.