Ein Mann war allerdings an unserem gesellschaftlichen Horizont aufgetaucht, der mehr Interesse für mich an den Tag legte, als es sich einer Jungvermählten gegenüber geziemt. Und dieser Mann interessierte mich selbst. Oft hatte ich etwas wie Furcht vor ihm. Aber seine feste Formenzucht gab mir immer wieder meine Unbefangenheit. Es war ein Maler, holländischer Abstammung. Er führte den klassischen Namen Orest. Orest van Haer. Er lebte seit mehreren Jahren in Wien und hatte sich als Porträtist einen großen Ruf geschaffen. Sein Kopf war wie in Stein gehauen. Wie man sich den Kopf eines römischen Kaisers denkt. Undurchdringlich schienen diese Züge. Die Augen aber glühten und führten ihr eigenes Leben. Seine Umgangsart mit Menschen war korrekt und liebenswürdig, soweit Liebenswürdigkeit korrekt ist. Was ihm einen besonderen »Nimbus« in den Augen der Wiener Gesellschaft gab, war der Glanz seiner Millionen. Er hatte ein Palais inmitten eines großen alten Parks erworben und gab da von Zeit zu Zeit Feste. Sein Atelier war eine Stätte, zu der zahlreiche offizielle »Kunstwanderungen« veranstaltet wurden. Er hatte früher, wie es hieß, auf Reisen gelebt, meist in Schottland.
Alles das machte Herrn van Haer natürlich zu einer »interessanten« Persönlichkeit. Auf seine Bitte sollte ich ihm zu einem Bilde sitzen. Das erstemal war ich in Begleitung Rudis erschienen. Ein zweites Mal hatte er mich allein hingehen lassen! An diesem Tag blieb ich, da ich theaterfrei war, länger als die Sitzung dauerte, da ich Gefallen daran fand, mit van Haer zu plaudern. Ich blieb bei ihm zum Tee. Wir sprachen fast unausgesetzt von seinen Reisen. Unser Privatleben, weder seines noch meines, wurde nicht berührt.
Als ich abends von ihm nach Hause fuhr, dachte ich mir wohl einen Augenblick, – es wird ihn befremden, daß ich seiner Einladung, zu bleiben, nachgegeben habe. Es wird ihn vielleicht irreführen über mich (Als Brettldiva nahm mich sonderbarerweise niemand. Man belächelte meine Beschäftigung bei der Operette als eine Kaprice. Zugehörig dahin schien ich niemandem.)
Aber die Ödigkeit dieser Ehe begann schon damals schwer auf mir zu lasten. Da mein Mann immer andere Wege ging als ich, mußte ich auf eigene Gefahr hin meine Geselligkeit suchen. Es war ein fast ekles Gleichgültigkeitsgefühl in mir, während ich damals im Wagen van Haers nach Hause fuhr. Mochte jener denken, was er wollte.
Eines Abends, als ich von der Vorstellung kam, – das Singen und Springen auf jenen Brettln war mir längst ein Greuel geworden, und ich schleppte an dieser Verpflichtung so schwer wie an meiner Ehe, – war Rudi wie gewöhnlich nicht zu Hause. Er schien in Eile fortgegangen zu sein. Sein Hausrock lag auf einem Sessel, daneben eine Krawatte. Ich nahm die Sachen, um sie aus dem Weg zu räumen. Bei dieser Gelegenheit glitt aus der Tasche seines Rockes seine Brieftasche. Er hatte sie offenbar darin vergessen.
Ich weiß, daß ich gar nicht überlegte, ob ich sie öffnen sollte. Im Augenblick lag ihr Inhalt vor mir. Ich wußte, daß ich irgend etwas Entscheidendes durch diese Brieftasche erfahren würde. Denn schon längst erschien er mir im Licht eines sehr einfältigen Betrügers, fern von jeder Umsicht im Verbergen seiner Machinationen.
Diese Brieftasche enthielt eine Menge weiblicher Adressen. Ich nahm mir gar nicht die Mühe, sie abzuschreiben, nahm einfach die Zettel an mich.
Ein beinahe humoristisches Gefühl überkam mich. Sollte er mit all diesen Weiblichkeiten leben? Ich beschloß, das zu erfahren.