Am anderen Tag leistete ich mir einen Wagen und fuhr von Adresse zu Adresse. Es waren nette kleine Mädchen, denen ich gegenüberstand. »Süße Mädeln«. Ich gab ihnen Geld und gute Worte, dafür erzählten sie mir hübsche Dinge von Rudi. Einige besaßen seine Photographie. Alle kannten ihn unter falschem Namen. Im übrigen leugneten sie eine Intimität. Er hätte sie nur immer zum Souper geführt.
Am Nachmittag erhielt Herr Rudi Neudorfer in sein Stammcafé die telephonische Mitteilung von seinem Papa, er, Rudi, wohne im Hotel Soundso, sein gesamtes Gepäck sei bereits dahin geschafft. Das Nähere erfahre er beim Advokaten Soundso.
»Einverständlich« – oder ein Prozeß lautete meine Devise. Er verbiß sich nun in mich wie ein wütendes Tier. Nein und nein. Er kam in meine Wohnung und zog den geladenen Revolver aus der Tasche. Vor meinen Augen würde er sich erschießen, wenn usw. Ich ersuchte ihn, meinen Teppich zu schonen. Darauf stürzte er ab, sich in der Donau zu ertränken.
Er behauptete, mir »eigentlich« – treu geblieben zu sein. Möglich. Vielleicht lebte er nicht, vielleicht lumpte er nur mit diesen Mädchen!
Und wenn er sich auch wirklich erhängt und ertränkt hätte, – ich wäre von ihm fort. Und wenn ich auch Kinder mit ihm gehabt hätte, ich wäre von ihm fort. Und wenn ich kein Dach und keine Schwelle mein Eigen genannt hätte, ich wäre von ihm fort. Denn er ekelte mich bis in die tiefste Seele, bis in jeden Blutstropfen hinein!
Das Grausigste war, daß ich nie von ihm dachte: – »der Schuft, der Lump«. Nein, ich dachte immer nur: »Der Lügner, der Lügner!« Dieses war das Hassenswerte. Dieses war mein Erzfeind.
Während diese Angelegenheit ihren Gang ging, erhielt ich eine schriftliche Nachricht van Haers. Die Sitzungen waren unterbrochen worden, im Wust dieser Affäre hatte ich sie abgesagt. Er fragte an, ob wir, mein Mann und ich, geneigt wären, den Silvesterabend als seine Gäste auf dem Semmering zu verbringen. Er hätte eine kleine Gesellschaft, deren Teilnehmer genannt waren, geladen. (Daß wir eben in Scheidung lagen, wußte er natürlich nicht, so wenig wie sonst jemand.) Nach kurzem Nachdenken entschloß ich mich, anzunehmen. Für mich allein natürlich.
Ich verbrachte den Weihnachtsabend trübselig genug im Hause fremder Leute und freute mich um so mehr auf den Ausflug zu Silvester.