Von Zeit zu Zeit mußte ich fort. Ich hielt's nie länger als zwei bis drei Monate freiwillig in Wien aus. Warum saß ich gerade hier? Das »Karma« hatte mich offenbar hierher gesetzt. Aber es hatte wohl auch diese flügelschlagende Unruhe in mich hineingelegt, meine Wanderlust. Fort, wenn es nur irgend ging!

Meine Mutter bedauerte die armen Koffer, die nie zur Ruhe kämen. Sie konnten kein Moos ansetzen, diese rollenden Koffer, – so wenig wie das Moos an ihrer Herrin hängen bleiben wollte.

Das Karma setzte oder stellte mich da oder dorthin, ich wußte nie recht warum. So stand ich einmal in St. Gallen auf einer staubigen Landstraße, im Mittagssonnenbrand an eine Telegraphenstange gelehnt, vor mir auf der Erde, im Staub, fünf Kolli Handgepäck. Warum? Ja, ich glaube, der Gepäckträger hatte mich da stehen lassen. Da stand ich, ahnungslos, wie ich je wieder weiterkäme, weit und breit kein Mensch, nur die staubige Landstraße, in der Nähe von St. Gallen. Ich stand da und haderte mit der Vorsehung: Warum, warum bin ich hier? Aber ein Narr wartet auf Antwort.

Ich muß aber doch irgendwie weitergekommen sein, denn am nächsten Tage promenierte ich unterm Rheinfall von Schaffhausen, im Gummimäntelchen, mutterseelenallein und doch vergnügt. Karma!


Und ich lernte die Verlassenheit kennen in den sonderbarsten Verkleidungen: an der Table d'hôte saß sie, unter hundert Personen, im Glanz der elektrischen Flammen. Auf der Promenade erwartete sie mich, wenn ich in Gesellschaft, die mir gestern der Zufall an die Seite gewirbelt hatte, zur Stunde des Kurkonzertes da erschien. In langen Stunden, die ich einsam im Hotelzimmer verbrachte, aus dem Fenster hinausblickend in eine fremde Gegend, ohne Ahnung, warum ich mich hier befände, das Kursbuch auf dem Tisch, um schon wieder die Stunde der Abfahrt zu bestimmen, war sie da.

Aber manchmal erschien sie mir auch in holder Gestalt. Auf einer Alpenwiese lag sie neben mir im Mittagssonnenglanz. Am Meer ging sie mit mir, wenn ich in langer Wanderung an seinem Ufer schritt und mich dem Sturm überließ in wilder Freude. Dann war sie, die Begleiterin, nicht mehr Verlassenheit, – Einsamkeit war sie dann geworden.


Ich war an der Riviera. In einem jener kleinen Nester zu Füßen der Seealpen, in der Nähe der vornehmen Badeorte der azurenen Küste. Villenkolonien, die wie Vororte jener Städte sind und von den Ruheliebenderen ihrer Bewohner und Besucher zum Aufenthalt gewählt werden.