Der Karneval war vorübergerast. Die Zeit der eigentlichen Erholung kam heran, und dem Pseudofrühling, der der Winter hier ist, sollte der wirkliche folgen. Die Regen, die hier so selten sind, leiteten ihn ein. Die Regen, les pluis. Sie dauerten nun schon einige Tage. Man konnte nicht viel anfangen.
Ich trat in ein Café, setzte mich in einen Winkel und las die Zeitungen, die gerade bei der Hand waren. Es war sehr voll, das Café. Kaum ein Plätzchen zu haben. Alle Welt flüchtete da herein. Ein Herr bat um Erlaubnis, an meinem Tisch Platz nehmen zu dürfen, es war kein Platz sonst frei. Ich erteilte sie, ohne von meiner Lektüre aufzusehen. Nach einiger Zeit traten Bekannte in das Café, Freunde aus Deutschland, mit denen ich hier zusammengetroffen war und viel verkehrte. Ein junges Ehepaar. Sie sahen mich und kamen auf mich zu. Ich rückte auf meiner roten Sammetbank beiseite. Es war gerade an jenem Ort der azurenen Küste wenig Deutsch zu hören. Die Sprache der Einwohner war italienisch. Die Fremden waren meist Russen, Franzosen, Engländer. Meine Freunde gingen zum Theater, ich blieb.
Ich hatte meine Zeitungen ausgelesen und blickte mich nach neuen um.
Der Herr, der an meinem Tisch Platz genommen hatte, schien das zu bemerken. Er reichte mir über den Tisch die Zeitung, die er in der Hand hielt, und fragte in italienischer Sprache, ob ich sie wünsche. Ich verneinte dankend, weil es ein italienisches Blatt war und ich zu mangelhaft italienisch verstehe.
Ich sah dabei eine Hand von edler Art. Allzu gepflegt vielleicht und allzu geschont. Aber von edlem Bau. Ich sah diese Hand und darauf auch diesen Herrn, der mir da seit drei Stunden gegenübersaß, ohne daß ich es bemerkt hatte.
Die Barttracht verlieh diesem Gesicht etwas Fremdartiges. Der Bart, rund um das Kinn, lief mit dem Schnurrbart zusammen. Wo trug man nur solche Bärte? Ein schöner Männerkopf im allgemeinen. Die Stirn vielleicht zu weiß, die Haare sorgfältig gescheitelt, lebhafte Augen, die die meinen suchten, und ein Mund mit überkräftigen Lippen, die sich fromm im Bart verbargen. Sehr kultiviert, und doch, sonderbarerweise dachte ich plötzlich französisch, – ich dachte das Wort: féroce.
Dieser Herr warf die Schlinge der Konversation mit großer Gewandtheit über mich. Er hatte dabei eine so respektvolle Art, daß ein Zurückweichen unmöglich war. Er sprach weltmännische Dinge, solche, die der Stimmung angepaßt waren, brachte sie gewandt und beinahe feurig und dabei ernsthaft vor. Nach einem Geplänkel von zehn Minuten, an dem ich viel Gefallen gefunden hatte, überreichte er mir seine Karte. Darauf waren Lettern zu sehen, die mir fremd waren, darunter stand in französischer Sprache:
Yussuff Hilmi Pascha Excellence
Ministre plénipotentiaire de Sa Majesté le Sultan.