Diese Bekanntschaft blieb keine flüchtige. Hilmi Pascha ließ mich nicht mehr aus den Augen. Um mich durch seine Gesellschaft nicht zu kompromittieren, führte er mich in seinen Kreis ein. Seine mütterliche Freundin – er nannte sie »ma seconde mére« – Madame Barozzi, die Gattin eines Balkandiplomaten, nahm mich unter ihren besonderen Schutz. Eine andere Freundin, Gräfin Etelka, eine junge italienische Consulesse génerale, ungarischer Abstammung, kam mir nicht minder liebenswürdig entgegen. Jeden Tag gab's Ausflüge oder Einladungen, Picknicks im Grünen oder elegante Tees. Und ich sang in diesen Salons und ließ mir Liebenswürdigkeiten sagen.
Hilmi Pascha hatte Paris und Petersburg hinter sich. Zuletzt war er Botschaftsrat gewesen, dann zum bevollmächtigten Minister vorgerückt und nun seit kurzem hier ansässig stationiert. Er stammte aus einer alten, christlichen, arabischen Adelsfamilie. Seine Vorfahren waren souverän gewesen bis zu ihrer Unterwerfung durch die Türken. Man hatte nun an leitender Stelle die Tendenz, die Nachkommen dieser Geschlechter Karriere machen zu lassen und ihre Interessen mit denen der Dynastie zu verknüpfen. Hilmi Paschas Laufbahn war für einen Mann von kaum dreißig Jahren eine ungewöhnliche.
Sein Interesse für mich brachte es mit sich, daß ich ihm meine »Geschichte« und meine Verhältnisse so unverhohlen mitteilte, als er mir die seinen.
Seine Aufmerksamkeit war unermüdlich. Sein Wagen stand mir immer zur Verfügung und seinen braunen Diener Abdullah hatte er mir »geschenkt.« Abdullah saß auf dem Bock, wenn wir ausfuhren, und verstand es ausgezeichnet, mitten in den Pinienwäldern der Corniche mit großer Gewandtheit ein Tischleindeckdich aus dem Boden zu stampfen. Dann saßen wir da oben, über uns die breiten, grünen Baumkronen, tief unten, funkelnd und unbeweglich das Mittelmeer. Ein orientalisches Frühstück wurde aus geheimnisvollen Körben mit Blitzeseile serviert, und wenn Hilmi Pascha sah, wie ich an den fremdartigen Leckereien herumknabberte, dann freute er sich, wie er sagte: »plus que jamais«.
Er sann darüber nach, was es wohl sei, das ihn so ganz und gar »gefangen« genommen habe. »Je suis votre prisonnier, chére madame.« Und er empfahl sich meiner Gnade. Ich verbot ihm das Thema. Aber er kam immer wieder darauf zurück. Der »coup de foudre« wurde mir beschrieben, der ihn damals im Café getroffen, bevor ich noch ein einziges Wort mit ihm gesprochen hatte. Als ich mit dem deutschen Ehepaar sprach (also in einer Sprache, die er nicht einmal verstand), war's geschehen. Was es gewesen sei, wisse er nicht. »Le sourire? Le regard? Le son de la voix? Ah, cette voix, cette voix!«
Und Yussuff Hilmi Pascha umklammerte mit seiner fürstlichen Hand die meine und flüsterte: »Le regard? Le sourire? La voix? Le sais-je, le sais-je?«
Ich sah, daß er einen Kampf kämpfte. Ich zog mich zurück. Er wußte mich zu finden. Und je mehr ich zurückwich, desto hartnäckiger folgte er mir.