Daß ich geschieden war, hatte für dieses Land der häufigsten Scheidungen nicht die geringste Bedeutung, besonders da ja aus meinen Scheidungspapieren (die er von mir verlangt hatte und verwahrte) hervorging, aus wessen Verschulden meine Ehe getrennt wurde.

Nur daß ich bei der Operette gewesen war, sollte ich verschweigen. Ich war Österreicherin, geschieden aus Verschulden des Mannes, Tochter eines Wiener Bankiers, die zu ihrem Vergnügen Musik und Gesang trieb, vielleicht auch mal zu Gunsten der Armen ihre Stimme öffentlich hören ließ, und damit basta.

Er war turcophil seiner innersten Überzeugung nach, wie es schien. Er sprach mir von den Okkupationsgelüsten aller Mächte, der Türkei gegenüber. Auf Syrien, seine Heimat, lauere Frankreich. Wenn jemals diese Absicht zur Wirklichkeit würde, würde er vorziehen, Muselman zu werden, wenn das dann nötig würde, und in den internen Dienst der nach Asien zurückgedrängten Türkei treten.

Wie mich's durchgruselte: Muselman – und ich dann seine Frau!

Aber, so wie ich damals zum erstenmal in seine Chancellerie trat, in dieses nächtliche Zimmer, mit diesem selben fast abergläubischen Gefühl, mir könne nichts »passieren«, das ich auch an jenem Silvesterabend auf dem Semmering hatte, als ich die Türe zum Nebenzimmer unverschlossen und unverschließbar fand, – wäre ich auch da hineingeschritten. Dieses starke Gefühl der Unentrinnbarkeit mancher Situationen habe ich oft gehabt. Und ich mußte dann – oder glaubte zu müssen, was ja wohl dasselbe ist, – in diese dunklen, dunklen Zimmer.


Madame Barozzi hatte sich meiner noch wärmer angenommen, seit sie wußte, daß ich mit Exzellenz Hilmi Pascha verlobt war. Ich kann nicht sagen, daß ich an ihrer Gesellschaft besonderes Vergnügen fand. Aber da Yussuff sie seine seconde mère nannte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir ihre Bemutterung gefallen zu lassen. Sie war eine übermäßig dicke, kleine Dame, mit unnatürlich schwarzen Scheiteln und viel zu vielen Ringen an den alten, verwelkten Händen. Sie bemutterte alle jungen Leute, und Yussuff aus doppelten Gründen. Erstlich weil er ihr Landsmann (sie war geborene Türkin, aus christlich-levantinischer Familie), zweitens weil er Garçon war. Da könne man nicht genug auf ihn aufpassen. Ihr Gatte war ein hoher Funktionär, die »Regierung« seines Landes in Person, »Beschwichtiger« aller Unruhen und in großer Gunst bei seinem Monarchen.

Madame Barozzi besuchte mich eines Nachmittags und nahm den Tee bei mir. Ich wußte, daß ihre Neugier an ihrem mütterlichen Interesse einen nicht unerheblichen Anteil hatte. In einem geschickt verkleideten Kreuzverhör suchte sie mir immer wieder meine Personalien zu entlocken. Warum ich divorcée sei und warum ich keine Kinder hätte und ob mein Mann meine dot durchgebracht habe usw. Auch wollte sie wissen, ob ich als Sängerin in Wien bekannt sei. Ihre Neugier amüsierte mich, und ich hätte nicht übel Lust gehabt, ihr ein paar Enten aufzubinden. Aber Yussuff hatte gewünscht, daß ich Zurückhaltung bewahre über alle meine Verhältnisse. So stellte ich mich »dumm« und verstand nie, was sie eigentlich wissen wollte.

An diesem Nachmittag schwärmte sie in hohen Tönen von Yussuff. Sie lobte seine diplomatische Befähigung. Besondere Leistungen mußten es sein, die ihn in so jungen Jahren »sur un poste si important« gebracht hatten. Ich fand den Posten hier, an diesem unpolitischen Platz, mehr repräsentativ als important. Auch wußte ich, daß seine Abstammung einigen Anteil an dieser Karriere hatte, aber ich sagte natürlich nichts dergleichen.

Flüchtig erkundigte sich Madame Barozzi, ob Komtesse Etelka noch immer meine Freundin sei. Und sie drückte ihre Verwunderung darüber aus. »Car – la jalousie – – –.«