Daß man ohne so einen lumpigen amant auskommen könne, schien ihm eine ganz unmögliche Sache, »Mais voyons, c'est impossible, étant separée de ton mari il y a deux ans, c'est impossible voyons!«
Und er preßte und drückte meine Hände und bohrte seine Augen in die meinen, wie Schrauben.
Zorn stieg in mir auf. Wie kam der Mann dazu, mir etwas zu »verzeihen«. Wäre es nicht mein gutes Recht gewesen, in meiner Einsamkeit mit mir zu tun, was mir beliebte? Und wenn es nicht geschehen war, – so war es wahrlich nicht um der »Verzeihung« des unbekannten Zukünftigen willen unterblieben, sondern deshalb, weil mir unter den Leuten meiner Bekanntschaft keiner begegnet war, der in meine Seele oder auch nur in mein Blut etwas hätte werfen können, was da Flammen aufschlagen machte. Wie erloschen schienen mir die meisten Männer. Man fühlte sein Geschlecht nicht in ihrer Nähe. Darum hatte er, Yussuff, auch auf mich gewirkt. Da war doch etwas, was einen erfaßte, mit der Macht eines Elementes. In dem, was mir aus seiner Werbung gekommen war, hatte ich etwas anderes gefühlt als in dem, was mir von anderen Männern kam. Seine blitzartige, schnelle Entscheidung für mich, die Kraft dieses Griffes nach mir, sie hatte mich erobert.
Und nun saß er vor mir und malmte meine Hände und wollte wissen, ob ich einen amant gehabt hätte.
Ein peinliches Ereignis verursachte mir, mehr aber noch ihm, nicht wenig Aufregung. Ein Prinz Odescalchi, den wir bei einem diplomatischen five o'clock kennen lernten, sollte sich irgendwann, irgendwo zu irgendwem geäußert haben, ob der türkische Minister zu der deutschen Sängerin »Beziehungen« habe. Die mütterliche Madame Barozzi hatte das hinterbracht.
Sofort schickte Yussuff dem Prinzen seine Zeugen. Umsonst versicherte der, diese Bemerkungen durchaus nicht in anstößigem Sinne gemeint zu haben. Schließlich sei doch eine Verlobung (von der er inzwischen erfahren hatte) tatsächlich eine »Beziehung«. Umsonst machte er sich zu jeder Art von friedlicher Satisfaktion erbötig, – »n'étant pas venu ici pour se battre«. Yussuff war nicht zu beschwichtigen.
»Mais il n'y a pas, il n'y a pas d'autre satisfaction, s'agissant de l'honneur de madame Neudorfer.« (Sprich: Nödorffère!)
Das Duell fand also statt. Es wurde dreimal in die Luft geknallt, und l'honneur de madame Nödorffère war wieder hergestellt.
Sonderbarerweise wurden wir, ich und mein Beleidiger, nach diesem famosen Duell – Freunde. Der Prinz machte mir einen Besuch. Alles sei ein Mißverständnis gewesen. Meiner Person irgendwie nahezutreten, sei ihm nie in den Sinn gekommen. Er blieb lange, und wir plauderten; nach langer Zeit konnte ich mich wieder einmal deutsch ausplaudern. Ich fand in ihm einen unterrichteten Mann von Kultur, der besonders über die Kunstschätze in den Kirchen und Privatvillen unseres Aufenthaltortes sehr gründlich unterrichtet war. Er erbot sich, mir den Führer zu machen und mir alles aus erster Hand zu zeigen. Auf diese Art wurden wir gute Freunde. Yussuff fand das unerhört. Er konnte aber nichts dagegen tun, denn sonst wäre es ja wieder zum Duell gekommen! »Mais voilà ce que je te dis pour tout l'avenir«: und er sagte mir, daß, wenn er jemals, bis ich seine Frau sei, mich außerhalb meines Jour in Konversation mit einem jeune homme finden würde, ja dann – »je suis d'une jalousie féroce!« Féroce: das war das Wort, das ich – gedacht hatte, als ich ihn das erstemal sah.