Und dabei rollte er die Augen, und plötzlich mußte ich denken: »Wüstensohn!«
Daß Mann und Frau immer einer Ansicht sein müssen, war für Yussuff ein Fundamentalprinzip. Auch mir schien Harmonie durchaus erwünscht. Nur meinte ich, müsse sie aus gegenseitigem Verständnis und aus einer gewissen Großzügigkeit der Natur des andern Menschen gegenüber erwachsen. Auch mußte man, meiner Meinung nach, durch freimütige Aussprachen einander kennen und erkennen zu lernen bemüht sein.
Diese blinde Zustimmung, diese »entente complette«, die er da immer verlangte, – sie hatte für mich etwas Larmoyantes. Ich bemerkte, daß er schlechterdings keinen Widerspruch vertrug. Er beharrte unbedingt auf seinem ersten Wort (wie man es eigentlich den Frauen nachsagt). Wollte man erklären, seine Meinung begründen, so nannte er das »des discussions«, und diese seien der Todfeind der Liebe, sagte er.
»Des discussions entre des amants produisent toujours des effets funestes.«
Also was tun? Schweigen? Wie ein Verrat erschien es mir, wenn man doch anderer Meinung war. Nicken und Schweigen, das kam ja einem chinesischen Götzenideal sehr nah. Nie anderer Meinung sein? Da könnten nur solche Leute sich verheiraten, die zur Welt kamen als zufammengewachsene Zwillinge verschiedenen Geschlechtes, dann mittels genialer Operation getrennt wurden und hierauf Inzest beginnen. Der gemeinsame Nabelstrang, die angeborene Einheitlichkeit ihres Verdauungsapparates, das alles garantierte einigermaßen jenes – Ideal.
Dieser rechthaberische Terrorismus erstreckte sich bis in die kleinlichsten Einzelheiten. Wenn ich eine andere Speise, ein anderes Getränk im Restaurant wählte als er, verdüsterte er sich. Wollte ich gehen, während er eine Fahrt vorgeschlagen hatte, – sofort ging er darauf ein, aber er belud mich während des ganzen Weges mit der »Verantwortlichkeit«. Erst wenn ich sagte, um diesen Nörgeleien ein Ende zu machen: »Tu a eu raison«, war er zufrieden. Ich hatte dann mein »Unrecht« eingesehen, nun war es an ihm, generös zu sein.
Sagte ich aber gar, wenn er etwas vorschlug: »Comme tu veux« – ich sagte es oft aus Gleichgültigkeit dem gegenüber, was ihm eine Streitfrage erschien, – dann kannte seine »generosité« keine Grenzen, und er tat dann sicher, was er glaubte, daß ich wollte.
Den »fil invisible«, an dem ich ihn führen konnte, sah ich schließlich ganz deutlich. Ein Kinderspiel war's, diesen Mann zu beherrschen. Ich mußte nur unbedingte Nachgiebigkeit zur Schau tragen, meine Lippen sozusagen immer ölen und salben und konnte ihn auf diese Art bugsieren, wohin ich wollte. Ja, er hatte recht. Man konnte ihn mener à un fil de soie.