Und ich sah diesen fil, brauchte ihn nur zu ergreifen!

Warum nur wurde mir so unbehaglich bei diesem Gedanken?

Trotz aller Vorsicht dem öffentlichen Gerede gegenüber, entgingen wir dem Klatsch natürlich nicht. Die Aufmerksamkeit unserer Umgebung beschäftigte sich mit unserem Verhältnis. Ich fand das ganz natürlich und hielt es für das Vornehmste, es nicht zu bemerken. Yussuff aber war, wie ich bemerkte, sehr aufgeregt über die »Meinungen« aller Leute. Ich fand mein Leben lang, daß, sich um die Meinung anderer viel zu bekümmern, eine hoffnungslose Aufgabe sei. Ich konnte meine Seelenphotographie doch nicht aller Welt präsentieren, mußte daher immer gefaßt sein, solchen Meinungen über mich zu begegnen. Konnte, sollte das etwas an meinem Leben, meinem Schicksal ändern?

Yussuff entschied schließlich, meine Mutter müsse zu mir kommen. Dann konnte die Beziehung erklärt werden und aller Klatsch hatte ein Ende.

»Il faut que tu fasses venir maman! il le faut absolument!«

Entweder müßte ich abreisen oder Mama kommen lassen. So ginge das nicht länger. Da entschloß ich mich, abzureisen, denn Mama kommen zu lassen, eigens um mich zu »gardieren«, schien mir zu ulkig. Wie verdutzt wäre meine gute Mutter über diesen aus meinem Munde so ungewohnten Wunsch gewesen! Ich rüstete also zur Abreise.

Meinen braunen Diener Abdullah hatte ich ihm dankend wieder zurückgestellt. Wo ihn unterbringen zu Hause in Wien? Meine alte Resi wäre in nicht geringer Verlegenheit gewesen, wenn sie ihr »Mädchengelaß« mit Abdullah hätte teilen sollen. Resi und Abdullah im Mädchengelaß! Als gemeinsames Gespann vor meiner Junggesellinnenwirtschaft! Göttlich!

Am Tag meiner Abreise ging ich auf seinen Wunsch mittags, während sein Personal fort war, hinüber zu ihm in die Chancellerie. Es war das erstemal, daß ich da bei Tag eintrat. Ich war erstaunt, daß er es wünschte. »En plein soleil?« – »En plein soleil.« Denn es war ja die letzte Gelegenheit, die er hatte, mich zum Abschied zu küssen. Auf dem Schiff selbst, das um fünf Uhr abging und wo er mich inmitten des ganzen Gesellschaftskreises, in dem wir verkehrt hatten, sehen würde, konnte sein Abschied nur ein offizieller sein. Und mich in meinem Hotelzimmer aufzusuchen, wagte er nicht. So ging ich hinüber, am Mittag, en plein soleil. Und er verschloß die Tür hinter uns und nahm mich in die Arme und küßte mich, ein letztes Mal, zum Abschied.


Ich fand die Gesellschaft an Bord des Schiffes, als ich da ankam, und nahm ihre Blumen und Liebenswürdigkeiten entgegen. Yussuff empfahl mich noch dem besonderen Schutz des Kapitäns, der sein Freund war.